Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

seinem Posten, für einen Seiltänzer erklärte und dem Grafen Rechberg die Fähigkeiten eines Staatsmannes absprach, so schien mir doch, als stünde er mit ihnen in irgendeinem Geschäftsverkehr. Die ungarischen Verhältnisse erklärte Zichy für höchst bedenklich, vorzüglich deshalb, weil der allgemeine Unwille gegen die Person des Kaisers sich wende, welchen die Behörden fast mit Absicht allenthalben als die veranlassende Ursache des Unangenehmen hinstellen. Dem Erzherzog Albrecht sprach er seiner Leidenschaftlichkeit wegen die Fähigkeit gänzlich ab, das Land zu verwalten. Zu Gran 130 habe er sich vollständig kompromittiert, denn während Graf Johann Cziräky und Baron Jósika 131 auf Nationalität hin- zielende Trinksprüche in ungarischer Sprache ausbrachten, stand der Erzherzog, wähnend, sie seien in regierungsfreundlichem Sinne ge­sprochen, von seinem Sitze auf und blieb solange stehen, bis der Primas ihn zum Setzen aufgefordert hatte. Graf Zichy sprach noch über die mißglückte Einberufung von Vertrauensmännern zur Beratung des Ge­meindegesetzes 132, über das unbefriedigende Protestantengesetz 133 und über die Unüberlegtheit der über den Flofrat Zsedény133 verhängten Untersuchung wegen seiner Agitation in der Protestantenangelegenheit zu Käsmark 133. Schließlich bedauerte er den Zurücktritt des Grafen Wolkenstein aus der ursprünglichen Ministerkombination 134 und legte ein besonderes Gewicht auf aristokratisch-konservative Institutionen. 22. Dezember. Statthaltereirat Weber aus Prag wurde zum Polizei­direktor in Wien und der Polizeirat Felsenthal zum Regierungsrat er­nannt. Alle Polizeidirektoren werden hiedurch sich gekränkt fühlen und alle Polizeiräte werden dem neuen Regierungsrate diese Auszeichnung nicht gönnen. Ein Besuch des Hofrates Clannem sagte mir deutlich, daß e r derjenige war, welcher den Polizeiminister zu diesen Anträgen 13° Vgl. den 6. Oktober 1859. 131 Führer der ungarischen altkonservativen Partei; vgl. Anm. 21, S. 84. 132 Vom Ende August 1859 an berieten die Minister wiederholt über diese Frage: ob und welche Geschäfte aus der Verwaltung durch landesfürstliche Be­hörden in die durch Kollektivgemeinden überzugehen hätten. 183 Auf dem evangelischen Konvente zu Käsmark (in der Zips) vom 27. September 1859 beantragte der pensionierte Hofrat v. Zsedény, den Kaiser zu bitten, die Wirksamkeit der am 1. September erlassenen evangelischen Kirchen­verfassung zu suspendieren, die Ausarbeitung derselben einer Synode anzuver­trauen und inzwischen die alten Verhältnisse, wie sie bis März 1848 gegolten hatten, wieder herzustellen. 134 Der Reichsrat Graf Karl Wolkenstein war anfangs August 1859 vor­übergehend als Ministerpräsident in Aussicht genommen. 105

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