Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

brachte, und er kam offenbar deshalb zu mir, um meine Anschauung zu erforschen. Ich gab sie, wie sie ist, nicht billigend. Bald folgte Hofrat Czapka, der über eine Aufwartung berichtete, die er bei Erzherzog Franz Karl135 abgestattet hat. Der Erzherzog berührte die Ursachen seiner (Czapkas) Beseitigung nicht, sprach jedoch offen über die herrschende Mißstimmung in Wien. Indessen leugnete er jede höhere Bedeutung derselben, und zwar weil man ihn noch grüße. Welch armselige Be­ruhigung! Czapka meint, Thierry beunruhige den Erzherzog mit vielen Kleinigkeiten und er wäre sogar so unbesonnen gewesen, dort von einem Tadel der Bevölkerung zu sprechen, weil die Kaiserin, bloß von einer Hofdame begleitet, ohne Bedienten in der Stadt gewesen sei. Mit solchen Wahrnehmungen, so glaubt Czapka, wird Thierry bald um jede Geltung sich bringen und nicht duldbar werden auf seinem Platz. Schlesinger136 überbrachte mir das Original von dem neuesten Drama „Düweke“ von Mosenthal137, welches durch politische, vom Publikum mit demonstrativem Beifall aufgenommene Beziehungen jüngst im Burg­theater in Gegenwart der Erzherzogin Sophie großen Skandal und so­nach das Verbot weiterer Aufführung veranlaßt habe. 23. Dezember. Es besuchte mich Minister Graf Nádasdy. Vor mir hat er keine Geheimnisse und äußerte daher unverhohlen folgendes. Es ist die Frage, ob am ersten Tag des nächsten Jahres das Ministerium nicht wieder eine Person wechselt. Gewiß aber ist, daß die ganze Zu­sammensetzung im folgenden Jahre eine andere wird. Graf Goluchowski hat das Ohr des Kaisers gewonnen, da er alle Augenblicke ihn versichert, er habe schon wieder 30.000 oder 40.000 fl. erspart, und so dürfte es ihm gelingen, alle militärischen Persönlichkeiten, den Erzherzog Albrecht, Fml. Liechtenstein 138, Coronini139 und Sckcsevic140 von der politischen Leitung der Kronländer zu entfernen, was er mit Beharrlichkeit anstrebt. i3s Qemahl der Erzherzogin Sophie, der Vater des Kaisers Franz Joseph. 13« Vielleicht der Schriftsteller Siegmund Schl., der sich auch dramatisch betätigte; eines seiner Stücke wurde eben damals im Burgtheater aufgeführt. 137 Salomon Mosenthal hatte 1850 durch das Volksschauspiel „Deborah“ sein Glück gemacht. Noch im selben Jahre wurde er Offizial im österreichischen Ministerium für Kultus und Unterricht und bald darauf in der Bibliothek des­selben angestellt. Sein Drama „Düweke“ brachte es' aus den obenerwähnten Gründen in Österreich zehn Jahre lang zu keiner weiteren Aufführung. 138 Friedrich Fürst zu Liechtenstein, Gouverneur in Siebenbürgen. 13P Fml. Johann Graf von Coronini-Cronberg, Banus und Gouverneur in Kroatien und Slawonien, sowie von Fiume. 140 Fml. Josef Sokcsevic, Gouverneur im Banat und in der Woiwodina. 106

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