Historische Blaetter 2. (1921)

Eduard v. Wertheimer: Neues zur Orientpolitik des Grafen Andrássy (1876-1877)

Franz Josef I. im' Februar 1874 den Zaren in Petersburg besuchte und dort am Grabe Nikolaus’ I. einen Kranz niederlegte, was Ale­xander II. gewissermaßen als „Sühnegang“ für die seinem Vater angetane Unbill auffaßte. Die Freundschaft zwischen Wien und Petersburg erhielt neuen Kitt, als Franz Josef I. bei seiner Anwesen­heit in Ragusa gelegentlich des Geburtstages des Zaren einen geradezu demonstrativ freundschaftlich gehaltenen Toast auf diesen ausbrachte. Alexander II. äußerte damals zum Freiherrn v. Langenau: „Sagen Sie dem Kaiser, wie glücklich ich bin, daß zwischen uns wieder alles auf dem alten Fuß ist. Er soll auf mich vertrauen, wie ich auf ihn. Dem Grafen Andrássy bitte ich zu sagen“ — und diese Worte wieder-' holte der Zar zweimal — „wie sehr ich seine Haltung zu Schätzern weiß, sowie daß er auch nie einen Schritt von dem in Wien, Berlin und Petersburg festgesetzten Programm abgewichen ist“1. So standen die Dinge, als in den beiden türkischen Provinzen Bosnien und Herzegowina Unruhen ausgebrochen waren. Mit einem Schlage gelangte damit plötzlich die orientalische Frage samt allen ihren Begleiterscheinungen und Gefahren an die Oberfläche. Nun hing alles von der Eintracht Wiens und Petersburgs ab. Es war von größter Bedeutung, ob Alexander II. wirklich aufrichtig gesprochen, als er in so nachdrücklicher Weise seine Zugehörigkeit zu dem Drei- Kaiser-Bündnis zum Ausdruck gebracht hatte. Vom Zaren, der die Erhaltung des Friedens wünschte, war nichts zu befürchten. Um so mehr von der russischen Politik, wie sie Gortschakow und dessen Getreue betrieben. Von Petersburg aus wurde eine militärische^ Doppelaktion Rußlands und Österreich-Ungarns zur Besetzung der gegen die Türkei in Aufstand begriffenen beiden Provinzen vorgei- schlagen, wogegen Andrássy sehr ernste Bedenken geltend machte. Entweder — führte der österreichisch-ungarische Minister aus — würden durch die vereinte Okkupation tatsächlich bedeutend bessere Zustände geschaffen, als gegenwärtig bestehen. In diesem Falle wäre eine Zurückgabe Bosniens und’ der Herzegowina an die tür­kische Verwaltung eine moralische Unmöglichkeit. Oder es würde eine Besserung nicht erzielt und dann hätte sich die gemeinsame Besetzung als unnütz erwiesen. Aus diesem Grunde erklärte sich Andrássy unter allen Umständen gegen eine gemeinsame Aktion vin den insurgierten Provinzen*. Andrássys Ziel war, die Tür- ' 1 Langenau, Mein Wirken, usw. W. St. A. a Andrássy an Ritter v. Mayr, Stellvertreter des auf Urlaub befindlichen Lan­genau, 18. November 1875. Konzept. W. St. A. <259

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