Historische Blaetter 2. (1921)

Eduard v. Wertheimer: Neues zur Orientpolitik des Grafen Andrássy (1876-1877)

/ken nicht aus den aufständischen Provinzen zu verdrängen, sie viel­mehr so lange als möglich dort durch Erteilung von Ratschlägen und Anempfehlung von Reformen zu stützen. Erst dann sollte an Stelle der Pforte getreten werden, wenn es ihr an der Stärke 'mangle, ihre Position aus eigener Kraft zu verteidigen. Am'16. Oktober 1875 hatte Andrássy entsprechend dieser Politik, nach Livadia an Kaiser Alexander II. ein Projekt gelangen lassen, wonach1 die drei Kaiserr mächte der Türkei Reformvorschläge zur Beruhigung Bosniens und der Herzegowina machen sollten. Damals befand sich am' russischen Hoflager auch General Ignatiew, der russische Botschafter in Kon­stantinopel. Er, der schon immer gegen Andrássy intrigiert hatte, zeigte sich auch jetzt als Gegner des Andrássyschen Reformprojekts. Seiner Ansicht nach sollte der Türkei, die schon an Reformen arbeite, die Initiative hiezu überlassen werden. Nur wenn die Pforte sich zu nichts entschließen könnte, sollte ihr eine Intervention in Aussicht gestellt werden. In Livadia lehnte man wohl nicht das Projekt Am- drássys ab, stellte ihm aber das des Ignatiew entgegen. Am 16. No­vember traf hierauf die Entgegnung des österreichisch-ungarischen Ministers des Äußern ein, worin er die Gründe auseinandersetzte,, die ihn veranlassen, an seinen Reformplänen festzuhalten. Das er­eignete sich zur Zeit als Erzherzog Albrecht in seiner Eigenschaft eines Georgsritters an der Spitze einer österreichisch-ungarischen Offiziers­deputation aus Anlaß des bevorstehenden 25jährigen Jubiläums Ale­xanders II. als Georgsritter in Petersburg eingetroffen war. Des Erz­herzogs Erscheinen in der russischen Hauptstadt, der dem dahin aus Livadia zurückgekehrten Zaren das Ritterkreuz des Maria-Theresien- Ordens überbrachte, womit ein langgehegter Wunsch Alexanders II. erfüllt wurde, schuf eine für den Andrássyschen Vorschlag sehr gün­stige Stimmung, die zu dessen Annahme von seiten Rußlands führte. Seine Reformnote vom 30. Dezember 1875 ging am 31. desselben Mo­nats an die Höfe von Paris, London und Rom ab, um gemeinsam der Pforte unterbreitet zu werden. Ignatiew, äußerst unzufrieden darüber, daß man Andrássys Entwurf dem seinigen vorgezogen hatte, scheint sich damit gerächt zu haben, daß er die Türkei veranlaßte, selbst mit Reformen hervorzutreten, um dadurch Andrássys Plan zu durch­kreuzen und unwirksam zu machen. Es nützte ihm nichts. Die sechs Großmächte überreichten der über diese noch nicht dagewesene Einig­keit Europas ziemlich verblüfften Türkei die Reformnote Andrássys. Sie verfolgte den Zweck, die Pazifikation der aufständischen Pro­vinzen durch unmittelbare Anwendung der Reformen auf diese herbei-

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