Historische Blaetter 2. (1921)
Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen
vom Papst die Erlaubnis dazu erhalten 1 Dieses zornvolle Geständnis des Mönches könnte dann — so fügte ich hinzu — für die der „dunklen“ Stelle von Schmidt und Prescott gegebene Auslegung die quellenmäßige Fundierung (S. 126) geben. Daß ich nicht selbst die Auffassung Schmidts teile, der die Ankündigung als ganz klar ansah, beweist mein Ausdruck: dunkel. Rachfahl aber zieht dieses mein Phant asie - produkt ins Lächerliche und meint, daß sich die Angaben des Mönches durch keine gleichzeitige Quelle stützen ließen (S. 160). Und doch —• besteht eine solche Quelle, und zwar, wie ich gleich hinzufügen möchte, eine sehr gewichtige Quelle: Die Annalen des Kanzlers Kaiser Ferdinands I. und Bischofs Franz Forgach, des ungarischen Tacitus1. Der Infant, so erzählt uns der Bischof, wurde bei Nacht verhaftet uni in Gewahrsam gebracht. „Dann“, so heißt .es '.weiter, „Kvurde er getötet, indem man alles Blut aus seinen Adern zog und seinen Leichnam verbrannte, wie man einen Ketzer zu strafen pflegt. Dies bestätigt die Ursache des Todes, daß er ketzerische Bücher las und mit den französischen Protestanten und den Niederländern in Verbindung stand. Später hat die öffentliche Meinung, dann auch die des Königs Gunst suchten, schreckliche Ursachen erdichtet; daß aber der Mord aus religiösen Gründen vollzogen wurde, hat K. Maximilian mit öffentlichem Patent erklärt, in welchem er jede andere Meinung verbot und jeden ächtete, der von Vatermord sprach“. Und nun setzt Forgach, der damals nachweisbar in Italien weilte1 2, fort: „Wir sind in der Zeit der Gefangenschaft des Infanten in Genua dem spanischen Oberkommissär des Benediktinerordens begegnet, der aus Rom nach Spanien zurückreiste. Wir haben viel mit einander gesprochen und er behauptete, vom Papste (Pius V) den Auftrag erhalten zu haben, dem König1 zu sagen, er dürfe Don Carlos nie freilassen, denn, wenn er es täte, wäre es um die römische Kirche geschehen. Dieser gelehrte und hochangesehene Mönch versicherte mich eidlich, daß der Infant nie mehr frei wird, denn da er eine geheime Mission vom Papste erhielt, erfuhr er von ihm, wie der König seinem Sohpe gegenüber gesinnt ist“. Nun was sagt Rachfahl zu dieser „zeitgenössischen Quelle“? Er wird vielleicht erwidern: Wo steht in dem geheimen Aufträge des Papstes ein Sterbenswörtlein davon, daß Don Carlos mit Gewalt beseitigt werden sollte? Es heißt doch nur, der Infant dürfe nicht freigelassen werden I Gewiß, aber dieser Bericht Forgachs, nach dem Philipp die päpstliche Weisung mit der Hinrichtung beantwortete, könnte Rachfahl vielleicht doch zu einer Revision seiner Anschauungen über das Ziel des Königs und die wirkliche Abhilfe, wovon dieser in seinem Schreiben vom 9. Jlai 1568 sprach, veranlassen. Das war nämlich — seiner Überzeugung nach — eine meiner schwersten Entgleisungen, daß ich dieses Ziel nicht als das auffaßte, was so klar am Tage lag: nämlich die Enterbung. Daß es Philipp II. auf sie seit Jahren abgesehen hatte, das war mir natürlich keineswegs entgangen3. Aber ebenso klar war mir, daß eine wirkliche Abhilfe für die Zukunft nur in der Beseitigung des Thronfolgers bestehen konnte. Seit Machiavelli pflegte man zu sagen, _ daß bei einem enterbten Prinzen der Zwischenraum vom Throne zum Grabe nicht groß sei4. Der Fall, daß ein eingekerkerter Prinz gewaltsam befreit wurde, hatte sich gerade im Lande der katholischen Könige vor nicht allzu langer Zeit ereignet, und zwar bei jenem Carlos de Viano, dessen Prozeßakten in der Angelegenheit unseres Don Carlos als Vorlage dienten5. Wer konnte Philipp verbürgen, daß er den Tag, an welchem er das päpstliche Schreiben erhielt, auch nur um eine Stunde überleben werde? Es ist traurig, daß man über so naheliegende und selbstverständliche Dinge sich auseinandersetzen muß. 1 Rerum Hungaricorum sui temporis commentarii etc. in der Ausgabe: Documenta Hungarica Historica, Scriptores 16. Die Kenntnis dieser Quelle verdanke ich der „Liebenswürdigkeit“ des ungarischen Historikers Professor Marczali, der mich sehr unliebenswürdig auf dieses Zeugnis, das allen Don Carlos-Forschern entgangen ist,, aufmerksam machte. Siehe „Pester Lloyd“ vom 31. März 1918, Nr. 77. 2 Vgl. „Századok“ 1896, S. 538. 3 Vgl. Bibi, Der Tod des Don Carlos, S. 301 ff. 4 Prescott, History of the reign of Philip the second, king of Spain, S. 444. 5 Bibi, Der Tod des Don Carlos, iS. 298. 39