Historische Blaetter 2. (1921)

Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen

Man mag übrigens über die Zeugenschaft des Bischofs Forgach, der nicht wie Wilhelm von Oranien oder Antonio Perez ein ausgesprochener Feind des spani­schen Königs war, denken wie man will, aber auffallend muß es doch der Historiker finden, daß eigentlich, man kann sagen, allgemein von dem Ketzertum des Infanten gesprochen wurde: am Kaiserhofe, in Frankreich, in Italien und auch in Spanien selbst. Nur durch eine sehr gekünstelte, gewaltsame Deutung konnte von Rachfahl (S. 110 f., 118) der Ausspruch des Großinquisitors Espinosa, es habe sich um etwas noch Schlimmeres als um d as Leben des königlichen Vaters gehandelt, so ausgelegt werden, daß damit nicht die Ketzerei, sondern die Auflösung des Reiches infolge der Flucht des Infanten gemeint war. Vom Standpunkte des Großinquisitors war das Ketzertum ganz sicher das Schlimmste. Und war es denn, vom psychologischen Gesichtspunkte aus betrachtet, so unwahr­scheinlich, daß der Prinz in seiner Verzweiflung, in seiner grenzenlosen Verbitterung, mit den Feinden des Königreiches sich verbunden hätte, um dem ihm drohenden Schicksal der Enterbung zu entrinnen? Rachfahl, der dem Infanten seine Indolenz verübelt und ihm vorwirft, er habe seinerseits nichts dazugetan, um das über ihm schwebende Verhängnis abzuwenden (S. 93), mußte freilich diesen1 Gedanken ablehnen. Uns aber will gerade dieses Bild vom unreifen, sprunghaften, vollständig unzuver­lässigen Knaben, der just im Punkte des Kirchentums eine so unwandelbar rigorose Auffassung betätigt, nicht recht einleuchten. Doch wir kennen ja den Gewährsmann Rachfahls: Don Chaves, der ihn für gut katholisch erklärte, und noch einen anderen: den König selber. Philipp hatte dem Papste ausdrücklich versichert, es läge der Verhaftung seines Sohnes keinerlei Vergehen zu Grunde und der König mit seiner streng kirchlichen Gesinnung konnte doch unmöglich den heiligen Vater anlügen (S. 133). Das nimmt sich in der Tat sehr eindrucksvoll aus, doch müßte man dann folgerichtig auch den Fluchtplan des Infanten, der gleichbedeutend mit der Rebellion war, in Abrede stellen; denn sonst hätte Philipp II., der dem Papste gegenüber nicht lügen konnte, diesen Tatbestand nicht verschweigen dürfen! Rachfahl, der in dem Hochgefühle schwelgt, daß sich unter seiner Hand Stein zu Stein zu lückenlosem Bau (S. 135) zusammenfüge, scheint nicht bemerkt zu haben, daß sein Stoßseufzer, den er etwas später ausstößt: „So gibt es Widersprüche überall“ (S. 163), weit bessec auf seine Erklärung der Katastrophe passe. Mit der auf die Äußerungen des Beichtvaters und des Königs gestützten These vom überkatholischen Infanten steht und fällt Rachfahls kunstvoller Bau. Je näher wir ihr aber zu Leibe rücken, umsomehr erweist sie sich als das, was Rachfahl von meinem — und auch Rankes — ketzerischen Don Carlos behauptet hat: nls „Hirngespinst“ (S. 154). Diese These war das Neue, das Rachfahl in die Don Carlos- Literatur gebracht hat; das andere findet sich alles bei Maurenbrecher und Büdinger. Rachfahl wollte ursprünglich eine Mittelstellung einnehmen, aber langsam, un­merklich gerät er doch ganz in das Fahrwasser der Beweisführung Maurenbrechers und Büdingers. Sie hatten den Erklärungen des königlichen Vaters und seines Kabinetts, die Ranke als dunkel bezeichnete, unbedingte Glaubwürdigkeit beigeJ legt. Rachfahl konnte sich wohl nicht der Tatsache verschließen, daß Philipp II. auch sehr gerne die Unwahrheit sagte; versteht es übrigens, daß er in dieser für ihn peinlichen Sache, auch aus politischen Gründen, Bedenken trug, überall mit der Wahrheit ungescheut an das Licht zu treten (S. 115) — aber schließlich kommt auch er auf das quellenkritische Glaubensbekenntnis, das alle entgegenstehenden Bedenken so spielend aus dem Wege räumt: „Der König hat es gesagt.“ Gleich Maurenbrecher und Büdinger sieht er alles durch die Brille des Königs an, und so findet er es ganz selbstverständlich, daß Philipp einen so unreifen Knaben, der in das religionspolitische Fahrwasser Maximilians II. zu geraten Gefahr lief, nicht als seinen Nachfolger duldete. Daß es den Zeitgenossen, soweit sie nicht der königlichen Partei angehörten oder in deren Horn bliesen, nicht ganz so selbst­verständlich war; daß sie nicht einsehen wollten, warum ein Prinz, der im Grunde, wie dies Rachfahl selber in einem schwachen Augenblick einbekennt, mehr Böse­wicht mit der Zunge war, von seinem Vater so hart gemaßregelt wurde, darüber macht sich Rachfahl keine Skrupel. Noch später — der Infant befand sich schon im Gefängnisse — meinte der venezianische Gesandte im Gespräch mit dem Kaiser: Das beste wäre wohl, wenn Don Carlos in eines der Länder des Königreiches Spanien geschickt würde, denn dann würde sich der Müßiggang — die eigentliche Quelle

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