Historische Blaetter 2. (1921)

Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen

ehrgeizigen Jüngling unmöglich befriedigen, und Rachfahl stellt ihm — wirklich eine grausame Ironie — seine Trägheit und Indolenz aus. Warum hat er sich denn, als er zum Präsidenten des Staatsrates ernannt wurde, auf einmal eifriger der Geschäfte angenommen? (S. 89.) Offenbar hatte ihm die neue Stellung eine größere innere Befriedigung gewährt. Lange wird ja diese Freude nicht gedauert haben, aber nicht deshalb, weil er in seinen Neigungen nicht anhaltend war, sondern weil er wohl bald darauf gekommen sein wird, daß auch diese neue Würde nur Schein war. Wo bleibt da die Indolenz, wenn der Infant, wie das aus zahlreichen Quellen erwiesen ist, ein lebhaftes Verlangen nach den Niederlanden hatte? Hören wir aber darüber Rachfahl, so werden wir belehrt, daß gerade dieses Begehren, das auch von den Niederländern gestellt worden war und das Ranke als vollkommen berechtigt ansah, ein Symptom des unreifen und phantastischen Ehrgeizes war und der König hatte vollkommen recht, wenn er diesem verstiegenen Ehrgeiz nicht nachgab. Alles, was der Infant will und macht, ist unreif und töricht. Liebt derselbe die Kaiserstochter, sehnt er sich mit allen Fibern seiner jungen heißen Seele nach der Verbindung mit ihr — Rachfahl konstatiert, daß er sich das einredete (S. 35 und 81). Möglicherweise steht der Freiburger Historiker persönlich auf dem Standpunkt, daß sich das im allgemeinen die Liebenden immer einreden, aber in diesem Fall hätte er doch, so will es mir scheinen, den Anschein der Geringschätzung und Partei­nahme vermeiden sollen. Don Carlos 'war schließlich, man mag über seine Verirrungen denken wie man will, als Sohn eines so harten Tyrannen wie Philipp II. eine tragische Gestalt im wahrsten Sinne des Wortes. Doch der Historiker ist von Amts wegen nicht verpflichtet, den Leiden der von ihm behandelten Persönlichkeiten Mitgefühl entgegenzubringen — aber Verständnis dafür und eine gewisse Gerechtigkeit darf man von ihm verlangen. Ich komme da auf das vielberührte Kapitel der Exzesse, das ja, wenn sie alle erwiesen wären, wirklich auf den Charakter des Infanten ein schlechtes Licht werfen würden. Ohne sie zu billigen, kann man über die Knabenstreiche eines unbeschäftigten Thronfolgers gar an einem südlichen Hofe des sechzehnten Jahrhunderts milder urteilen. Wer möchte über Friedrich den Großen, der unter einem nördlicheren Himmel aufwuchs, den Stab brechen, weil er dem angeheiterten General von der Mosel, einem sicher von seinem Vater sehr geschätzten Mitgliede des königlichen Tabakkollegs, die Zügel seines Pferdes so hoch schnallte, daß der alte Mann beim Besteigen desPferdes das Gleichgewicht verlor und auf der anderen Seite herunterfiel. Dieser lustige Streich hätte sehr böse enden können. Eine andere Frage aber ist, sind sie auch wirklich alle erwiesen? Und da freut es mich zu sehen, daß Rachfahl einen der von Büdinger breitspurig behandelten Gewaltakte, und gerade den schwersten, bereits gestrichen hat: den versuchten Mord am eigenen Vater (S. 109). Ließen sich nicht andere auch noch ausmerzen? Rachfahl hat übrigens selbst die höchst bemerkenswerte Handhabe zu einer Revision geboten, indem er, gestützt auf eine Äußerung des Beichtvaters Chaves, das Urteil fällte: Das Boshafte und Bösartige seines Wesens dag zumeist in seiner Zunge (S. 30). Wie vorsichtig da ein gewissenhafter Historiker Vorgehen muß, habe ich an dem einen Fall gezeigt, der in dem Indizienbeweis Büdinger® einen ersten Platz einnimmt und tatsächlich nicht schön aussieht. Der Prinz läßt Mädchen „züchtigen“ und gibt dem Vater derselben, einem gewissen Damian Martin, für dieses Vergnügen Geld. Immerhin nobel, wenn auch sexuell bedenklich; aber noch nobler erweist sich der Prinz, wenn es sich herausstellt, daß Don Carlos die Mädchen gar nicht „gepeitscht“ (pegadas), sondern daß er sie, wie viele andere Waisenkinder „unter­stützt“ (pagadas) hat, dieser Damian Martin nur der Waisenvater war, dem er eine Geldsumme für verlassene Kinder anwies. Schon die Tatsache, daß es sich um die Eintragung in einem öffentlichen Rechnungsbuche handelt, hätte kritische Bedenken erregen sollen! Merkwürdig, daß Rachfahl von dieser meiner Aufklärung eines Falles von Bruta­lität gar keine Erwähnung tut, und doch will er mir zur 'Charakteristik der gegen Don Carlos geübten bewußten oder unbewußten Verleumdungsarbeit sehr bedeutungs­voll erscheinen. So wie hier durch die Verwechslung eines „e“ und „a“ ein häßli­ches Delikt entstand, so werden sich auch andere Gewalttaten auf eine harmlose Weise erklären lassen. Der Vatermord ist bereits erledigt. Der Anschlag auf den Groß­I

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