Historische Blaetter 2. (1921)
Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen
inquisitor Espinosa wurde schon von Gachard1 angezweifelt. Und das Attentat auf Herzog Alba wird wohl auch kaum zu halten sein; denn ich bleibe dabei, daß es doch recht merkwürdig ist: unmittelbar nach diesem Mordanschlag, von dem keiner der vielen Gesandtschaftsberichte, die uns aus der kritischen Zeit vom April 1567 erhalten sind, etwas zu melden weiß, wird Don Carlos durch eine Rangserhöhung belohnt und der Prinz wendet sich an den Herzog mit der Bitte, er möge sich einen seiner Diener empfohlen sein lassen! Die Gegeneinwände Rachfahls kommen mir nicht sehr glücklich vor; sie beschränken sich auf die Feststellung, daß ich eine mangelhafte Kenntnis von Philipps Charakter besitze und daß das Faktum quellenmäßig zur Genüge bezeugt ist (S. 98). Quellenmäßig genügend bezeugt —• ist nämlich wie bei Büdinger alles, was zuungunsten des Don Carlos spricht. Erzählt uns der Hofhistoriograph Philipps von dein schauerlichen Ringkampf mit Alba, so ist das natürlich eine gute Quelle; berichtet derselbe Cabrera über das mißfällige Gemurmel des Volkes, als es die Kunde von der Katastrophe erhielt: Ein .Verbrechen von Seite des Infanten liege nicht vor; leider seien Fürsten oft gegen ihre Nachfolger eifersüchtig, besonders wenn sie Geist und Kühnheit und Seelengröße besäßen — dann beweist dieses Gerede nichts. Selbst Brantöme muß als1 verläßliche Quelle herhalten, sobald er sich auf die Erzählung von Schandtaten beschränkt; untersteht er sich aber seinen Glauben auszudrücken, daß Don Carlos, nachdem er sich einmal die Hörner abgelaufen und das Fegefeuer der ersten Jugend überstanden, ein sehr großer Fürst, Feldherr und Staatsmann geworden (wäre, so beweist das wieder nichts, obwohl uns ein ähnlicher Ausspruch auch von dem Beichtvater Chaves, von welchem Rachfahl — wir werden gleich hören warum — eine hohe Meinung hat, überliefert ist. So erfahren wir denn bei Rachfahl von den edleren Regungen und den Vorzügen des Gemütes und Charakters des Don Carlos nicht viel. Er gibt sie zu, findet aber, daß Schmidt und ich „pressen“ (S. 57 und 59), das heißt: 'wir legen den Äußerungen, die hie und da zu seinen Gunsten ausfailen, zu viel Gewicht bei, wir übertreiben. Aber daß er selber nach der anderen, Seite hin preßt und dabei oft manches sehr wichtige Moment unter den Tisch fallen läßt, daran findet er nichts. Weist Schmidt nach, daß der angeblich geistig indolente Infant künstlerische und wissenschaftliche Werke förderte, so sind das typische Akte des Mäzenatentums eines Fürsten in jenem Zeitalter, aus denen man nicht gerade sogleich auf hohe Intelligenz und wissenschaftlichen Sinn des Gebers schließen darf (S. 67). Warten wir mit Lobsprüchen von berühmten Zeitgenossen auf, so sind dies im besten Falle wohlgemeinte Redensarten ihm wohlwollend gesinnter Personen, denen aber nicht viel Gewicht und Urteil beizumessen ist, meist wohl freilich adulatorisch-höfische Übertreibungen oder es steckte hinter ihnen eine gegen den Vater gerichtete oppositionelle Stimmung (S. 164). Daß auch gewiß Liebedienerei mit im Spiele war, auf diesen Einwurf war ich Wohl gefaßt^; aber es gab doch auch, wie er selbst zugibt, andere ihm wohlwollend gesinnte Menschen, bei denen dieses Motiv nicht in Frage kommen konnte. Merkwürdig übrigens, wie Rachfahl hier eingesteht, daß Don Carlos, dieser „Schädling und Auswurf der Menschheit“ (S. 91) doch Wohlwollen erntete! Das überaus herzliche Verhältnis zur Königin muß auch er feststellen (S. 30 u. 35), sowie die Freundschaft zu dem gelehrten Honorato Juan; aber trotzdem verkündet er am Schlüsse: „Sympathien vermögen sie beide (Vater und Sohn) nicht zu erwecken.“ Also auch bei Rachfahl der eigentümliche Standpunkt Büdingers: „Wie wenig kennen doch die Zeitgenossen den wahren Sachverhalt.“ Doch weit bedenklicher als Rachfahls Quellenanalyse, die er so überlegen gegen mich ausspielt, will mir die psychologische Fundierung des Problems erscheinen. Hier ein Beispiel. Eines der stärksten Zeugnisse für die Bösartigkeit, also den Schwachsinn des Infanten, die Rachfahl gegen mich ins Treffen führt, ist die Äußerung des Kaisers, die im Gespräch mit dem venezianischen Gesandten fiel: Verrückt ist er nicht, aber ein Phantast und Starrkopf und von einer teuflischen Gesinnung1 2 3. Nun also: Teuflisch, das ist unsäglich niedrig, roh und brutal (S. 91), 1 Don Carlos et Philippe II, 2. Aufl., S. 270. 2 Vgl. Bibi, Der Tod des Don Carlos, S. 93. 3 Ebenda, S. 322. 35