Historische Blaetter 2. (1921)
Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen
War aber Don Carlos der Ketzerei verdächtig oder überwiesen, dann ergab sich auch von selbst die Möglichkeit eines gewaltsamen Endes infolge eines Spruches des heiligen Offizes, und ich leugnete nicht, daß einem Philipp II., der so oft versichert" hatte, er wolle, falls sein Sohn als Ketzer würde befunden werden, sein eigenes Blut nicht verschonen, eine solche Lösung ohneweiters zuzutrauen sei. Aber eine bestimmtere Vermutung auszusprechen, dazu hielt ich mich nicht für berechtigt. Verdächtig — in dieses Wort des Kaisers klang meine Darstellung aus. Ich hoffte, durch die Wiederaufrollung des Problems, das mir nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung unlösbar erschien, durch andere eine Klärung, ja vielleicht die Lösung herbeizuführen; erwartete mir ein oder das andere aufschlußreiche Dokument, etwa aus dem spurlos verschollenen „grünen Koffer“, der die Papiere und Prozeßakten des Don Carlos enthalten haben soll — und erhielt statt dessen Anklagen und Vorwürfe, alle d(ie alten Einwände, die seinerzeit schon Schmidt zu hören bekommen hatte. Sie sind uns bereits bekannt: die einseitige Parteinahme für Don Carlos, die Idealisierung im Banne des Dichters. Der Vorwurf ist jedoch nur scheinbar berechtigt. Mein Eintreten für den Infanten ergab sich ganz naturgemäß aus der leidigen Tatsache, daß die ehrenwerten Züge des spanischen Prinzen, die Ranke erwähnte und Schmidt näher ausführte, bei Büdinger, gegen dessen Darstellung in erster Linie ich Stellung nahm, glatt unter den Tisch gefallen, dagegen alle Exzesse, die er wirklich beging oder die ihm angedichtet wurden, in einer solchen Vollzähligkeit und Ausführlichkeit behandelt waren, daß dieser Liste beim besten Willen nichts mehr hinzuzufügen war. Die einfachste Pflicht des Historikers, dje Gerechtigkeit, erforderte es gegenüber dem Zerrbilde des sogenannten geschichtlichen Don Carlos auch die Kehrseite des Porträts zu zeigen, auf die vielen Verleumdungen hinzuweisen, denen der Infant zu Lebzeiten des politisch stärkeren Vaters und seiner Partei und dann nach seinem Tode von Seite der offiziellen Geschichtsschreibung ausgesetzt war. Was würde man von einem Forscher sagen, der bei der Behandlung des Wallenstein- Problems nur vom Verrat des Generals und nichts von den schon früher einsetzenden Intrigen und Verleumdungen bei Hofe, von den gewinnsüchtigen, allzumenschlichen oder allzufiskalischen Interessen der Nörgler, von der schweren, den Offensivgeist lähmenden Krankheit und den gewichtigen, für einen Frieden mit den protestantischen Reichsfürsten sprechenden Bedenken des Friedländers erzählt hätte? In dieser objektiv abwägenden, die Schuld nach beiden Seiten hin gerecht verteilenden Art der Behandlung sah ich ein Hauptverdienst des neuesten Wallenstein-Buches von Heinrich v. Srbik, das ich aber noch aus einem anderen Grunde hier angezogen habe. Bei aller seiner Vorliebe für die Synthese im' Sinne Hegels spürt man doch deutlich die Sympathien für den bestialisch und tückisch hingeschlachteten Friedländer und die tiefe Abscheu über die Meuchelmörder und ihre Auftraggeber heraus. Dem ritterlichen und soldatischen Empfinden des Verfassers mag dies zur Ehre gereichen, aber die posthumen Verteidiger der Kronprinzenpartei werden ihn kaum für objektiv halten. Darin liegen die Schwierigkeiten für den Geschichtsschreiber, der den Menschen mit Fleisch und Blut nicht vollständig verleugnen kann. Gewiß, auch bei mir, als! ich die spanische Kronprinzentragödie behandelte, mag eine solche menschliche Saite mitgeschwungen haben — ich schäme mich dessen nicht; denn mir hat 0. Lorenz aus der Seele gesprochen, als er gelegentlich einer Erörterung der Wallenstein-Frage die Aufgaben dés Historikers bezeichnete. Nur Ranke, sagte er da, konnte es gelingen, lediglich historisch, sozusagen mit liebensi würdiger Naivetät dieses Problem, eo als ob es gar nicht anders sein könnte, zu behandeln. Will der Geschichtsschreiber jeder Wertbeurteilung sich entschlagen, so müßte die Geschichtswissenschaft binnen kurzem zu der trockensten- und kläglichsten mittelalterlichen Chronistik und Annalistik zurückführen1. In dem Anklingen einer Herzenssaite würde ich nur dann einen berechtigten Vorwurf erblicken können, vermöchte man mir nachzuweisen, daß Don Carlos (nicht das Opfer seines harten Vaters war. Gerne hätte ich übrigens auch bei Philipp II. menschlich mildernde Umstände entdeckt, aber leider fand ich so gar keine. Nicht einmal — wie bei Kaiser Ferdinand II. -— die Abhängigkeit von seinen Gewissens1 Historische Zeitschrift, 39 (1878), S. 45. OO 1