Historische Blaetter 2. (1921)

Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen

raten ließ sich hier geltend machen. Auch für das Imposante Keiner weltumspannenden Politik, der zuliebe es gegolten hätte, seinen kranken Sohn aufzuopfern, konnte ich nicht das nötige Verständnis aufbringen, weil Philipp II., wie es ihm sein deutscher Vetter prompt voraussagte, mit seinem fanatischen Glaubenseifer nur den spanischen Staat zugrunde richtete und die Niederlande einbüßte. Ich sah nur das Brutale seines Vorgehens, und das widerte mich, offen gesagt, an. * Auch dafür kann ich nichts, daß der Don Carlos, wie ich ihn zeichnete,der Auf­fassung unseres Dichters ungleich näher kommt als der Büdingers. Es (wurde mir das Wort Erzherzog Karls vorgehalten: „Die Dichter sind es, welche die Geschichte ver­derben“. Diesen Einwurf kann ich nur sehr ' bedingt gelten lassen. Es kommt viel auf den Dichter an. Gerade Schiller hat, wie1 sich das wieder |bei Wallenstein zeigt, in der Darstellung seiner historischen Gestalten ein verblüffend scharfes Auge gehabt. Die Figur des verratenen Verräters ist auch durch die jüngste historische Wallenstein-Studie nicht überholt worden. Als Dichter hat er übrigens besser gesehen denn als Historiker;, denn da hat er sich doch zu sehr von den parteiisch gefärbten Schriften eines Rasin beeinflussen lassen. Ich darf auch mit Genugtuung auf die warme Anerkennung: hin- weisen, die Heinrich v. Srbik der genialen Intuition der Dichterin Riccarda Huch zollte. Und wie meisterhaft hat unser Grillparzer — um nur eine historische Persönlichkeit herauszugreifen — den Kaiser Rudolf II. gezeichnet. Diese göttliche Gabe der Intuition war es auchi, die Meister Ranke trotz eines oft lückenhaften Quellen- materials und seiner unverkennbaren Vorliebe für die offiziellen Quellen sowie die diplomatischen Berichte fast immer das Richtige treffen ließ. Nein, die Dichter, sofeme sie wie Schiller wirkliche Seher waren, haben der ge­schichtlichen Wahrheit bei weitem nicht so geschadet, wie jene Berufshistoriker, die, wie Schmidt meinte1, den förmlichen Drang in sich fühlten, die Schöpfungen der Poesie wie der Sage zu zerzupfen. Auch Rachfahl — um mich nun seinen „kritischen Untersuchungen“ zuzuwenden — hat an der Ähnlichkeit meines Don Carlos mit dem dichterischen Anstoß ge­nommen. Zuerst wohl hat auf ihn, wie 'er gesteht, meine Darstellung einen gewissen Eindruck gemacht, allein je näher er deren Beweisführung und Resultate im ein­zelnen nachprüfte, zu umso schärferem Widerspruch fühlte er sich gereizt. Was zunächst die eine der beiden Hauptpersonen, den Vater Philipp II., um nicht zu sagen die Hauptperson, betrifft, so konnte Rachfahl nicht gut anderer Meinung sein; er hätte denn die in seinen bereits veröffentlichten Arbeiten vertretene An­schauung, die mir als willkommene Führerin diente, feierlichst widerrufen. Er schildert ihn also als einen verschlossenen, finster brütenden Tyrannen, der alles unter dem Gesichtspunkt seiner politisch-religiösen Doktrin betrachtete, hochmütig, engherzig, fanatisch, rachsüchtig und blutdürstig, edlerer und milderer menschlicher Empfindungen nicht fähig (S. 166); die von ihm gehandhabte Politik war in Grausam­keit, Tücke und Blutdurst so entartet, daß man ihr jede Scheußlichkeit und Nieder^ tracht Zutrauen konnte (S. 156). Nach dieser wenig günstigen Charakterschilderung im allgemeinen, die insoferne für mich eine Genugtuung enthielt, als mir von anderer Seite der Vorwurf gemacht worden war, ich hätte Philipp zu schwarz: gemalt'8, kennzeichnet er das Verhältnis zum Sohne: Der König war hart und herzlos und, rein menschlich beurteilt, ist sein Benehmen gegen den Sohn in dessen letztem Lebensabschnitte als ganz besonders brutal und abstoßend zu bezeichnen (S. 143), und so war es bei diesem Mangel jeder väterlichen Liebe und Teilnahme, auch nach der Wendung des Prinzen zum Besseren (S. 166), nur begreiflich, daß er in den Ruf kam, der Mörder seines Sohnes zu sein, denn das hatte er nicht nur seiner ganzen Art und Weise im allgemeinen, sondern auch seinem Verfahren gegen Don Carlos von dessen Verhaftung an im besonderen zuzuschreiben (S. 157). Rachfahl kommt so zum Schluß: „Das ßild des zärtlichen, liebevoll um den ver­lorenen Sohn bemühten Vaters, der tief bekümmert und gebrochenen Herzens die schwerste Pflicht tut, die ihm sein erhabener staatlicher Beruf auferlegt, ist ein für 1 Vgl. Bibi, Don Carlos in der Geschichte und Dichtung, in der Zeitschrift der österreichischen Gymnasien, 1917, S. 242 ff. 8 Val. Srbik in dem Göttineer Gel. Anzeiger, 1919, S. 449.

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