Historische Blaetter 2. (1921)

Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen

dies gerade von den größten und gewaltigsten Persönlichkeiten behauptet: Napoleon, Luther, Wallenstein, Friedrich der Große und wie sie alle heißen mögen 1 Und dabei darf das eine nicht übersehen werden, daß sie zumeist wirklich Züge an sich trugen, die dem psychiatrisch geschulten Auge als pathologisch erscheinen mögen. Auch minder bedeutende Personen, wenn sie just das Unglück hatten, anderen als unbequeme Rivalen im Wege zu stehen, wurden mit Vorliebe als geistesgestört und gemütskrank bezeichnet, und diesem Schicksal entging nicht einmal Graf Kolowrat, Metternichs Konkurrent, an dem viele so gar nichts von Geist bemerken wollten. Man sprach ganz offen von seiner krankhaften Disposition, und der Staats­kanzler vertraute dem preußischen Gesandten die „reine Wahrheit“ an, daß der arme Graf um die Nachtgleiche „seine Anfälle“ bekomme, die dann auch seinen „geistigen Zustand“ affizierten. Der Eingeweihte weiß natürlich sofort, daß die bedenkliche Gemütsstimmung des Grafen im engsten Zusammenhänge mit seiner heftigen Opposition in der Konferenz stand, so wie die Gemütskrankheit König Ludwigs I. von Bayern, die Metternich bedauernd feststellte, dessen Groll gegen Österreich und wahrscheinlich seine liberalen und teutonischen Neigungen bedeuteten1. Merkwürdig auch, wie sich, unbeirrt vom Wechsel der Zeiten, dieselben Ausdrücke für diese sonderbaren Krankheitserscheinungen finden. Die „krankhafte Disposition“, die „Eigen­tümlichkeit“, besteht bei dem Minister des 19. Jahrhunderts geradeso wie bei dem Infanten am Hofe Philipps II., und auch das „seltsame“ Wesen taucht immer wieder auf. Der k. k. Polizeioberkommissär Schuster fühlte sich bemüssigt, den Direktor des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs Hofrat Hormayr dem Festungskommandanten von Munkács mit einem besonderen Hinweis auf dessen „seltenen Geist“ zu über­stellen1 2. Aufwiegelung der Tiroler zum Freiheitskampf — nach 1809 — war unbe-’ dingt seltsam. Noch stärker als solche geschichtliche Betrachtungen, die sich aus meinem engeren Arbeitsgebiete von selbst aufdrängten, wirkte indes ein historisches Ereignis, das ich selbst miterlebte und für mich die Bedeutung eines lebendigen Anschauungs­unterrichtes gewann: das Kronprinzendrama vom Belvedere, dem ich zeitlich und örtlich so nahe stand. Wieder war es ein leidenschaftlicher, erbitterter Kampf zwischen dem regierenden Fürsten und dem nach Einfluß strebenden Thronfolger, der das gesamte öffentliche Leben in seinen Bannkreis zog; wiederum konnte man hören, daß der „Junge“ mit seinen „hirnverbrannten“ Ideen — in diesem Falle der Trias-Gedanke, die Autonomiegelüste — die Monarchie todsicher zugrunde richten werde und der alte Herrscher deshalb weiterregieren müsse; wiederum wußte man von „heftigen Szenen“, die einer „pathologischen“ Anlage des Thronfolgers entspran­gen, zu erzählen. Und ging man den bösen Ausstreuungen über die „Regierungs­unfähigkeit“ und die „Tobsuchtsanfälie“ des Thronfolgers nach, so führten sie alle auf dieselbe Quelle zurück: die Partei des regierenden Fürsten; die dem Vielge­schmähten Näherstehenden aber versicherten gerade das Gegenteil: der Erzherzog sei durchaus ernst Zu nehmen und lasse für die Zukunft das Beste erwarten. Wie schwer war es doch, in diesem verwirrenden Streite der Meinungen das richtige Maß zu finden! Um wie viel schwerer aber muß es uns fallen, Personen einer weit zurück­liegenden Zeit gerecht zu werden, aus den parteiisch gefärbten, einander widerspreJ chenden Nachrichten die Wahrheit zu finden! Hatte ein Kronprinz das Glück, den Herrscher zu überleben, dann war es ja ein Leichtes, die gegen ihn erhobenen Ver­dächtigungen auf ihren inneren Gehalt zu prüfen. Dies war bei dem Sohne Friedrich Wilhelms I. von Preußen der Fall. Aus dem „effeminierten“, „eigensinnigen Tauge­nichts“, dem „lasziven mokanten Kerl“, der sich, wie der König bitter klagte, aus den Soldaten nichts machte, zu keiner ernsthaften Beschäftigung Lust zeigte, und mit Müh und Not der Enterbung und der Hinrichtung entging, ist, wie man weiß, Friedrich der Große geworden. 1 Wertheimer, Fürst Metternich und die Staatskonferenz, in der „Österreichischen Rundschau“, 10 (1907), S. 48; Sybel, Die österreichische Staatskonferenz von 1836, in der Historischen Zeitschrift, 38, S. 399. Vgl. dazu Metternichs Vortrag vom 5. Juni 1827 (Wien, Staatsarchiv, Acta secreta 3) und dessen Weisung an Graf Spiegel vom 9. November 1831. (Ebenda, Staatskanzlei, Bayern.) 2 Bericht an den Polizeipräsidenten vom 26. März 1813 (ebenda, Staatskanzlei, Personalia 8).

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