Historische Blaetter 2. (1921)

Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen

Das waren so die Erwägungen und Bedenken allgemeiner Natur, die mich, als ich die Behandlung des Don CarlosnProblems in Angriff nahm, zur Vorsicht mahnten. Auch hier wieder — und zwar seit der frühesten Kindheit an — jener merkwürdige Zwiespalt der Meinungen. Die einen schwärmen für den Infanten, wissen nicht genug von seinen witzigen Aussprüchen und seinen glänzenden Gaben zu erzählen und sehen in ihm einen zweiten Karl V., die anderen dagegen sagen ihm das böseste und fürchterlichste nach, was man überhaupt einem Menschen anhängen kann, und diese geben vollkommen dem König recht, der seinen Sohn wie einen unvernünftigen Knaben behandelte, von jedem Einfluß auf die Regierung fernhielt und ihn wie einen gemeingefährlichen Staatsverbrecher beständig überwachen ließ. Die über Don Carlos verbreitete üble Meinung fand ihre hochauthentische Recht­fertigung, als Philipp II., schwer gebeugt und tief bekümmert, plötzlich mitten in der Nacht seinen Sohn verhaftete und zur Aufklärung dieses seines Schrittes, der in der ganzen Welt das größte Aufsehen erregte, auf die üble Disposition, seine eigen­tümliche Beschaffenheit usw. hinwies und diese Unzurechnungsfähigkeit als den einzigen Grund seiner Einschließung bezeichnete. Bűd inger sah in dieser offiziellen Erklärung des Königs die volle Wahrheit, und da Philipp II. schon sechs Jahre früher dem kaiserlichen Gesandten, der die Heirat mit Don Carlos betrieb, eine ganz ähnliche Aufklärung zuteil werden ließ, so hielt er den Beweis für erbracht, daß der Infant an angebornem Schwachsinn gelitten habe, und damit stimmten ja auch alle die Exzesse, die Don Carlos angeblich sich hatte zuschulden kommen lassen: neben sexuellen Verirrungen auch Anschläge auf das Leben der Minister und des Vaters selbst. Das Bild, das der Wiener Geschichts­forscher von dem geschichtlichen Don Carlos entwarf, war ganz in dem Geiste Cabreras, des spanischen Hofhistoriographen Philipps II., ja womöglich noch schwärzer gemalt, und fand allgemeinen Anklang. Selbstverständlich konnte bei dieser ganzen Sachlage nicht der leiseste Verdacht aufkommen, als hätte der geistesstarke König seinen kranken Sohn gewaltsam aus dem Wege geräumt. Don Carlos starb im Turnn zimmer des Schlosses, trotz der sorgsamsten Pflege, an den Folgen seiner krank* haften Exzesse, so wie es der tief bekümmerte Vater in den nach der Katastrophe ausgegangenen Rechtfertigungsschreiben erklärt hatte1. Büdingers Darstellung, so bezwingend einfach nach ihr das ganze Problem sich löste, hatte einen wunden Punkt. Von den „ehrenwerten“ Zügen, die Ranke in seiner klassischen Schilderung des spanischen Königsdramas hervorhob, findet sich bei ihm kein Wort, und doch hatte es fünfzehn,Jahre vorher Adolf Schmidt unternommen, die These vom Schwachsinn, die schon vor Büdinger Wilhelm Maurenbrecher ver­treten, mit wahrhaft überzeugenden Gründen zu widerlegen und ihn als das Opfer einer systematischen Verleumdung und der harten Behandlung von Seite seines tyrannischen Vaters hinzustellen. Mit vollem Recht verwies Adolf Schmidt auf die geringe Glaubwürdigkeit des Königs, der schon bei seinen Zeitgenossen als Vater der Lüge und Verstellung verschrien war, ferner auf die Überschätzung der Gesandt­schaftsberichte, die vielfach doch nur müßigen Hofklatsch zu melden wissen. Bezüglich des Endes kam Schmidt zu der Annahme, daß Philipp höchstwahrscheinlich der zögernden Natur durch ein wirksames Mittel nachgeholfen habe, jedenfalls aber als der Mörder seines Sohnes bezeichnet werden müsse. Mag man nun über Schmidts Ehrenrettung zugunsten des Don Carlos denken wie man will, seine kritischen Einwände waren doch von so gewichtiger Art, daß eine abschließende Untersuchung der Frage an ihnen nicht achtlos vorübergehen durfte — allein Büdinger hat ihn jnicht einmal erwähnt. Hat er den Nachfolger Droysens auf der Lehrkanzel in Jena nicht ernst genommen? Von Maurenbrecher wissen wir, daß er Schmidts Studie für einen geistreichen Scherz zu halten geneigt war. Zu frivol und ketzerisch Erschien doch seine These, daß der sogenannte geschichtliche Don Carlos 1 In dem soeben erschienenen Buche L. Lewins, Die Gifte in der Weltgeschichte, erklärt dieser hervorragende Fachmann auf dem Gebiete der Toxikologie den Kranheitsverlauf bei Don Carlos als einen „Schulfall einer subchronischen Arsenik­vergiftung“. Vom medizinischen Standpunkt, behauptet er weiter, sei keinerlei Beweis für die Geisteskrankheit, die er als eine „Fabel“ bezeichnet, zu erbringen. (S. 334 f.)

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