Historische Blaetter 2. (1921)

Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst

europäischen Künstlern gefertigt sind. In engstem Zusammenhänge mit der Metallindustrie und dem Goldschmiedehandwerk ist auch auf die Emailtechnik zu verweisen, die freilich ebenfalls bereits im Mittel- alter in Europa eine Blüte zu verzeichnen hatte. Daß ihr erneuerter Aufschwung im 16. Jahrhundert (man denke an die reichen Sammlun­gen des Wiener Staatsmuseumsl von Bijous aus der Zeit Ferdinands von Tirol und Rudlolf II., das Salzfaß dest Cellini u. a.1) in Ver­wendung und künstlerischem Wesen schwerlich als eine Regeneration des mittelalterlichen Brauches aufgefaßt werden kann, liegt auf der Hand. Daß ein erneuter Anstoß vom islamischen Osten aus vorliegt, wo diese Technik zusammen mit der Freude an Edelsteinschmuck und der Filigranarbeit immer lebendig geblieben sind und bis in die heutige Basarware fortleben, ist naheliegend und' auch da weist die besondere Stellung Venedigs auf die Osmanen als Vermittler. Für den Edelsteinluxus der Osmanen finden sich mannigfache Belege, und Bajesid II. entfaltete nach! dem Bericht des Venezianers Andrea Gritti darin eine besondere Liebhaberei1 2. Dieser Herrscher (1481 bis 1512) bietet aber auch sonst in seinen Liebhabereien eine merkwürdige und bezeichnende Parallele zu europäischen Erscheinungen. Seine Vorliebe für die Drechslerei, jene im Orient so volkstümliche Technik, verbindet ihn nicht nur mit seinem Zeitgenossen Maximilian I.3, • sondern wirft überhaupt ein Licht auf die Quelle aller jener gerade am Habsburgerhofe so beliebten kunstgewerblichen Spielereien. So gibt Bajesid II. neben seiner Leidenschaft für gearbeitetes Silber vor allem in seiner Liebhaberei für mechanische Künste bereits ein Vorbild für Rudolf II. ab4, w'obei wieder vor Augen zu halten ist, daß gerade jener auf technische Künstlichkeit ausgehende Trieb, wie er in den damals so beliebten Automaten zum Ausdruck kommt, im persischen und türkischen Orient geradezu heimisch ist. Man denke an die in den Erzählungen von Tausendundeine Nacht immer wieder auftretenden Automaten, wie etwa an das aus Elfenbein und Ebenholz hergestellte Zauberpferd5, auf dem der Held nach Jemen und Konstantinopel fliegt, ein phantastisches Kunstwerk, das für uns noch insofern an historisch verwendbarer Realität gewinnt, wenn wir an die im 18. Jahrhundert so beliebten Genrestatuetten aus Holz 1 Siehe Schlosser Kunst- und Wunderkammem der Spätrenaissance, S. 66, 67. 2 Siehe Hammer, Gesch., Ill, S. 96, 293, 306, 310. 3 Siehe Schlosser, Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance, S. 97. 4 Schlosser a. a. 0., S. 66, 80, 100. 5 Tausendundeine Nacht, Reclam-Ausgabe (Max Henning, VII, S. 163 ff.).

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