Historische Blaetter 2. (1921)
Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst
türkischen Dichter, Tonkünstler und Kalligraphen in ihren Leistungen den Gästen gleichwertig den persischen erscheinen1. Was die anderen Künste anlangt, so stand freilich mehr der Handwerker in der Person des Künstlers im Vordergrund, und dies um so mehr, als sich hier ja tatsächlich die künstlerische Tätigkeit mehr in der Bahn des Bau- und, Kunsthandwerks bewegte, Bildhauerei und Malerei als freie Künste den Gesetzen des Islam entsprechend aber keine oder doch nur geringe Geltung hatten. Doch abgesehen von den Ehrungen, die dem Künstler von dem Auftraggeber nach- Vollendung des Werkes widerfuhren, die ihn aber nicht als einen Besonderen vor den anderen beamtlich Tätigen auszeichneten2, scheint doch auch eine höhere, über den Beamtenrang hinausgehende Schätzung der Künstlerpersönlichkeit vorhanden gewesen zu sein; wenigstens lassen dies die Ausdrücke, die in der Grabschrift des großen Sinan gebraucht werden, erkennen. Als Erbauer paradiesischer Moscheen und von Wasserleitungen wird er als ■unsterblicher Hizir eingeführt, der die Unsterblichkeitsquelle zur Erde fließen ließ 3, und diese bis heute fortlebende Schätzung konnte ich selbst noch daran erkennen, daß mir bei Gelegenheit von Arbeiten, die ich am Grabe des Künstlers vornahm, von den Vorübergehenden, Leuten aus dem Volke, immer wieder der Name des Großen als Erbauers der benachbarten Moschee Suleimans des Großen gepriesen wurde. Dabei ist vor Augen zu halten, daß Kunst und Handwerk bei den Osmanen durchaus keine getrennten Begriffe waren, daß die Kunst eben als Handwerk erlernt wurde, und zwar als ein Handwerk höherer Art, das durch Schulorganisationen vermittelt wurde und etwa im Sinne unserer Kunstgewerbeschulen den Wert höherer geistiger Ausbildung in sich schloß und als freier Nebenberuf neben der eigentlichen Lebensstellung ausgeübt werden konnte. Bekannt ist die Schule von Hasseki Bagtsche, in der — wie bereits erwähnt — die Mitglieder des Janitscharenkorps in diesem Sinne ausgebildet wurden, so Sinan als Architekt, Mehmed Agha und sein Vorgänger Dalguitsch Ahmed Agha ebenfalls als Architekten und Perlmutterarbeiter*; ähnlich bestand in Isnik (Nicäa) eine berühmte Schule für Fayencefliesen seit den Tagen Selim I., etwa im Sinne der monopolisierten Porzellanfabriken der europäischen Höfe5. Auch die Herrscher übten in dieser Art 1 Hammer, Geschichte des osmanischen Reiches, 1834—36, Bd. IV, S. 204. 2 So wird bei der Einweihung der Piri Agha-Moschee der Woiwode von Galata, der Architekt, der Imam und das geistliche Moscheepersonal gleicherweise ausgezeichnet, vgl. Hammer, Geschichte, IV, 8. 249. 3 Djelal Essad, Constantinople, S. 245 f. * Vgl. Djelal Essad, Constantinople, S. 178. 5 Vgl. G. Jacob, Islam I, S. 67. Jt