Historische Blaetter 2. (1921)
Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst
* einen Nebenberuf aus: außer Dichtern und Musikern finden wir unter ihnen Buchbinder (Mustafa III.)1, Drechsler (Bajezid II.)* und Ahmed III. wird von der Tradition die Planung des berühmten Brunnens vor dem Bab i-Humajuns, Mahmud I. die der Moschee Nuri Osmanieh1 zugeschrieben. Auch dieses Moment bietet eine Parallele zu dem seit dem 16. Jahrhundert an europäischen Höfen geübten Brauch, daß die Herrscher auch ein Handwerk zu lernen hätten odter sich im engeren Sinne künstlerisch betätigten. Die geringen Grenzen zwischen Technisch-Handwerklichem und Kunst sind übrigens bei den Osmanen an sich aus der. wenigstens prinzipiellen Ausscheidung der darstellenden Künste und der Einstellung auf das architektonisch - kunstgewerbliche Schaffen erklärlich, während dies in Europa nach! der starken Entfaltung des humanistischen Kunstbegriffes in der Hochrenaissance, demzufolge Kunst als eine freie gottgegebene Angelegenheit erscheint, um so merkwürdiger anmutet und im besten Falle als ein Rückfall in mittelalterliche Verhältnisse gewertet werden könnte, wenn nicht eben die gebundene Stellung des Künstlers am Hofe gegenüber dem mittelalterlichen Zunftwesen eine prinzipielle Verschiedenheit bedeutete. Auch in Europa überwiegt bei den im Dienste des Hofes stehenden Künstlern, wie bei Benvenuto Cellini, Giovanni da Bologna und anderen das angewandte kunstgewerbliche Schaffen die freie Skulptur, sind doch diese Künstler vielfach aus dem Goldschmiedehandwerk hervorgegangen. Aber überhaupt ist es ja nicht nur das Aufblühen der kunstgewerblichen Techniken an sich, sondern auch das Durchdringen des material-technischen Raffinements, das der europäischen Kunst unseres Zeitraumes auch in den nicht angewandten Künsten den Stempel aufdrückt, und das den Werken gegenüber mittelalterlicher Handwerklich- lichkeit vor allem durch das Zurücktreten! des Zwecklichen und Gebrauchsmäßigen doch wieder einigermaßen den Charakter künstlerischen Selbstzweckes verleiht (Prunkschreine1 * 3 4 5, Ehrenpokale usw.). Wie bei den Osmanen (siehe oben) werden solche Erzeugnisse vielfach eben nur als Ehrengeschenke ohne die besondere Absicht praktischer Benützung erzeugt. 1 Siehe Hammer, Geschichte d. osm. Reiches, IV, S. 649.- Ebendort, I, S. 623. 3 Vgl. Djelal Essad a. a. 0., Si 219; die Inschrift an der Südseite nennt freilich den Großwesir Mohamed als Leiter und Ausfiihrer des Baues. 4 Vgl. Djelal Essad, a. a. 0., S. 180. 5 Vgl. Schlosser, Kunst- und Wunderkammer der Spätrenaissance, S. 95 f.