Historische Blaetter 2. (1921)
Berthold Molden: Das Schicksal der Deutschen und der Weltkrieg
Eurer Majestät, noch das meinige haben sich etwas vorzuwerfen, wenn der Krieg ausbricht. Eure Majestät und Ihre Regierung werden das möglichste getan haben, um der Welt diese furchtbare Prüfung zu ersparen. Aber heute habe ich die Überzeugung, daß die Diplomatie ihr Werk beendet hat. Man muß jetzt an die Sicherheit des Reiches denken. Wenn Eure Majestät unsere Mobilisierungsmaßregeln auf hält, so wird damit nur erreicht, daß unsere militärische Organisation in Unordnung gebracht ist und unsere Verbündeten irre werden. Der Krieg wird nichtsdestoweniger zu der von Deutschland gewollten Stunde ausbrechen und uns in voller Verwirrung überraschen.“ Einen Augenblick sammelt sich der Kaiser, dann sagt er in festem Ton: „Sergius Dimitriewitsch, telephonieren Sie dem Generalstabschef, daß ich die Gesamtmobilisierung anordne.“ Sasonow steigt in das Vestibül hinab, wo sich die Telephonzelle befindet und übermittelt dem General Januschkewitsch den kaiserlichen Befehl. — Die Uhr zeigt punkt vier.“ Die Kriegspartei hatte triumphiert. Rußland ahnte nicht, daß es im Begriffe war, sich zugrunde zu richten für Rumänien und Serbien, für die Polen und für die Tschechen, für die französische Revanchepartei und für die Deutschenhasser vom Schlage Nicolsons und Northcliffes. Das Fiasko von 1877 und 1878 hätte ihm eine Warnung sein müssen. Aber es hat sich nicht warnen lassen. Die geistige und Gefühlsanlage seiner Regierenden und Regierten, seiner gebildeten und halbgebildeten Schichten und seiner Massen, diese Eigenart, die sich in seiner, aus Phantastik, Ideologie und Barbarei gemischten Geschichte ausspricht und in den wundervollen Werken seiner großen Schriftsteller abspiegelt, die Europa damit eine neue Welt eröffneten, ist ihm zum Verhängnis geworden. Lides, Rußland ist zu groß, um nicht auch diese Krise zu überwinden. Rußland ist trotz seiner Unerschöpflichkeit an Menschen und trotz der ungeheuren Anstrengungen, die es noch nach dem Sturz des Zarentums fortsetzte, geschlagen worden. Indem die Mittelmächte dies vollbrachten, und schwerlich hätten sie es vollbringen können, wenn der Krieg um einige Jahre später ausgebrochen wäre, haben sie sich vor dem Allerschlimmsten bewahrt. Der Feind ist über die Grenzländer hinaus nicht eingedrungen, der Friede ist nicht nach dem Gebot einer zarischen Regierung geschlossen worden, die die östlichen deutschen Marken noch ganz anders abgebröckelt hätte, und wir können uns in freier Regie- rungsweise aufzurichten versuchen. Das eine dauernde Hauptergebnis des Weltkrieges ist, daß die mittleren und kleinen Völker Europas, die lange Zeit hindurch, wenn gleich 9.0* 9A1