Historische Blaetter 2. (1921)

Berthold Molden: Das Schicksal der Deutschen und der Weltkrieg

nicht alle bis zuletzt, von Wien, Berlin, Petersburg und Konstantinopel aus regiert worden sind, jetzt in Unabhängigkeit dastehen. Die gewaltige Krise, in der sich dies vollzog, hat eine Machtverschiebung innerhalb des Slawentums zuungunsten Rußlands, innerhalb des Germanentums zuungunsten Deutschlands gebracht. Das Slawentum als Ganzes ist ge­stärkt, das Germanentum als Ganzes, in Europa, geschwächt. Das andere Hauptergebnis ist die Umgestaltung des monarchistischen Mitteleuropa, also hauptsächlich der deutschen und tschechischen Ge­biete, in ein republikanisches. Das deutsche Mitteleuropa war ein Haupt­sitz dynastischer Gesinnung, die hier auf lange hinaus den Fortbestand des Monarchismus zu sichern schien. Trotzdem ist es wahrscheinlich, daß sich die republikanischen Einrichtungen erhalten und, selbst wenn sie sich nicht erhielten, wäre doch die Rückkehr des Monarchismus alten Stils unmöglich. Hätte er sich bei Zeiten geändert, so wäre die Kata­strophe vermutlich nicht eingetreten. Die guten und die schlechten Erb­teile der Vergangenheit haben fortgewirkt. Wie sie es mit sich brachten, daß weder von Österreich her, noch von den Mittelstaaten her die Eini­gung kommen konnte, sondern daß Preußen, dank seiner gedrungenen Kraft und seines Verständnisses für wissenschaftliche Arbeit die Führung übernahm, so hat Deutschlands und hat namentlich Preußens Entwick­lungsgang die herrschende Richtung nach rechts und, als ihr Gegen­stück, die dogmatische Sozialdemokratie geschaffen. Beides erwies sich als hemmend, aber das Werk von Siebzig ist damit nicht verurteilt. Wäre nicht vor nun fünfzig Jahren die Dreiviertel- Einigung der deutschen Nation erfolgt, so wäre das von Osten und Westen bedrängte Deutschland des Rheinlands und Schleswig-Hol­steins verlustig geworden, und, da der Panslawismus viel älteren Datums ist, hätte sich auch Österreich nicht behaupten können. Mit den furcht­baren Opfern, die der Weltkrieg kostete, hat Deutschland dafür gezahlt, daß es sich unter Bismarck diesem drohenden Schicksal entriß. Der Re­publik wird es obliegen, zu heilen und zu vollenden. Mit der Rückkehr Österreichs zum Reiche wird der Prozeß des nationalen Neuwerdens abgeschlossen sein, der begonnen hat, als sich der wiederbelebte deutsche Geist im achtzehnten Jahrhundert zu unermüdlicher Tätigkeit erhob.

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