Historische Blaetter 2. (1921)

Berthold Molden: Das Schicksal der Deutschen und der Weltkrieg

Zeit, in der Rußlands Rüstung noch furchtbarer war, und Rumänien unter einem neuen König und Italien nach Wiederherstellung von der trip ©litauischen Verwirrung schnell mit den Feinden gingen. Vielleicht aber wollte Rußland sofort losgehen? Dann war dem Waffengang erst recht nicht auszuweichen. Dies waren die Grundlinien. Sie mußten fest­gehalten werden, allerdings unter fortwährender Sorgfalt dafür, daß die österreichische Sache so als Verteidigungssache erschien, wie sie es wirklich war und daß besonders den friedensfreundlichen Kräften in England Gelegenheit und Möglichkeit geboten wurde, sich zu entfalten. Es ist merkwürdig, daß in den beiden entscheidenden Ministerrats­sitzungen vom 7. Juli und 19. Juli die Frage der Beziehungen zu Eng­land nicht berührt wurde, aber Tisza hat in seiner Denkschrift an den Kaiser davon gesprochen. Er sagte, daß England aller Wahrscheinlich­keit nach einen Druck auf die beiden anderen Ententemächte im Sinne des Friedens ausüben werde. In Berlin war man seltsamerweise sogar der Ansicht, daß auch im Falle eines Krieges der Festlandsgroßmächte die Neutralität Englands noch möglich sei. An einen Druck zu Gunsten des Friedens zu glauben, war berechtigt. Ein umsichtiger englischer Staats­mann mußte erkennen, daß die Verwirklichung des serbischen Ehrgeizes den Untergang der habsburgischen Monarchie bedeu­tete, und daß, wenn sogar Kaiser Franz Joseph selbst die Liquidierung seines Reiches anordnete, sie sich ohne euro­päischen Krieg nicht vollziehen konnte, womit Rußland der Weg nach Konstantinopel und zur Herrschaft über Mitteleuropa ge­ebnet war. Man durfte also hoffen, daß Österreich-Ungarn bis zu einem gewissen Punkte in seiner Abwehrpolitik gegen Serbien die Zustimmung Englands finden werde; aber die englische Antipathie gegen Deutschland konnte auch diese Hoffnung durchkreuzen, besonders wenn Rußland — dessen Aktionslust man freilich nicht im vollen Umfang kannte — das seinige dazutat. Erst spät erkannte man in Deutschland, wie es wirklich stand. Die Weisung Bethmann Ilollwegs vom 30. Juli an den Botschafter Tschirschky, die zu dringender Mahnung an das Wiener Auswärtige Amt auffordert, zeichnet in kürzesten Strichen die verhängnisvolle Situation, an der sich in diesem Augenblick alle Feinde Deutschlands erbauen konnten. Deutschland klammerte sich an Greys Vorschlag an den deutschen Botschafter zu einer Viermächte-Vermittlung; Österreich- Ungarn gedachte, ihn in entgegenkommender Form, aber ohne Eingehen auf das Meritorische zu beantworten, weil man, nachdem Rußland schon mobilisiert hatte, nicht, wie dieses verlangte, die Operationen einstellen

Next

/
Oldalképek
Tartalom