Historische Blaetter 2. (1921)

Berthold Molden: Das Schicksal der Deutschen und der Weltkrieg

wollte, was im Ministerrat vom 31. Juli auch Tisza für unmöglich er­klärte. Über den deutschen Rat, sich mit der Besetzung Belgrads oder an­derer Plätze zu begnügen, ging man hinweg. Der Rat war beachtenswert. Zwar bot er keine Lösung der Grundfrage, wenn die Vermittlung gelang, aber doch Zeitgewinn, um den Eindruck der Kriegsgefahr in England verwerten zu können; und ungefährlich war er auch für den Fall, daß es trotz der Vermittlung zum Kriege mit Rußland kam, da dann der ser­bische Schauplatz zum Nebenschauplatz wurde. Aber vermutlich hätte, damit man Belgrad bald in Gewalt bekomme, — die serbische oder russische Nachricht von einer bereits erfolgten Bombardierung war falsch, denn nur Schiffe waren beschossen worden, wobei einige Kugeln über die Save flogen — der ganze Aufmarsch- und Feldzugsplan umge­worfen werden müssen! Es ist möglich, daß solche Bedenken in dieser Stunde ins Gewicht fielen. Die Verzögerung der Antwort auf den Rat der Berliner Regierung wurde auf der Gegenseite ausgenützt. Schon hatte Rußland seine letzten Karten ausgespielt. Am 30. Juli abends wurde die allge­meine Mobilisierung des russischen Heeres angeordnet und zugleich gab die russische und die französische Diplomatie die Parole aus, daß Deutschland es sei, das den Krieg wolle. Daß die Wiener Antwort einen Tag auf sich warten ließ, wurde in London als Beweis für die Richtig­keit dieser Behauptung gewertet. Grey äußerte denVerdacht, daßDeutsch- land hinter Österreich-Ungarn als Kriegsdränger stehe. War Grey auf­richtig als er seine Zweifel ausdrückte? Man entrüstete sich in England gern über die sogenannten. Berliner Methoden. Aber niemals wurde in Berlin so gehandelt, wie Grey handelte. Während er Verbindlichkeiten unterschrieb, leugnete er sie nach außen hin ab; während er mit Deutsch­land über die Teilung der portugiesischen Kolonien verhandelte, ver­sprach er den Portugiesen, daß die Kolonien nicht geteilt werden sollten. Ohne diese „Methoden“ wäre die Situation klar gewesen. Jeder hätte gewußt, woran er war. Jedenfalls hatte Grey jetzt, nach Rußlands Dazwischenfahren, Deutschland in der Hand. Er selbst zwar war, allem Anscheine nach, nicht geradezu kriegerisch gesinnt; er hatte im Laufe der letzten Jahre vorgeschobene Positionen gegen Deutschland bezogen, aber nicht gerade mit dem Willen, es von dort aus tatsächlich anzu­greifen; er wollte vermutlich — doch wer kannte sich in ihm aus? — Deutschland die Macht Englands fühlen lassen und wollte sich Rußland warm halten. Aber die Kriegsfreunde, die Deutschenhasser der ver­schiedenen Parlamentsparteien erlaubten nicht, daß jene Positionen un- benützt blieben. Sie duldeten nicht, daß man die gute Gelegenheit vorüber­Jyy

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