Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

brauchen. Wir sind ein Volk der Mitte und ohne starke Macht den Nachbarn preisgegeben. Hammer oder Amboß, das ist deutsches Schicksal. Ein Drittes gibt es nicht. Darum darf das Schlagwort Föderalismus bei uns nie mehr bedeuten als landschaftliche und kulturelle Selbstverwaltung. Was darüber ist, ist von Übel. Auf dem Gebiete der äußeren Behauptung haben wir nicht die Wahl: Zentralismus oder Föderalismus, sondern nur die: Reichspolitik oder Rheinbundpolitik. Da gibt es keinen Mittelweg. Weniger schroff ist die Frage für die innere Politik und das geistige Leben gestellt. Aber auch hier ist es eine Selbsttäuschung, zu glauben, daß man auf die Dauer eine mittlere Lösung, etwa die Behauptung der jetzigen landschaftlichen Eigenarten durchsetzen könne. Die Geschichte kennt kein Beharren, sie ist immer im Fluß. Es muß sich jeder entscheiden, ob er für die fortschreitende Sonderung oder für die fortschreitende Annäherung arbeiten will. Hier liegen große Fragen und Aufgaben für die Zukunft. Einer der feinsinnigsten Erforscher des vielgestaltig sich entwickelnden deutschen Nationalbewußtseins, Mein ecke, hat zu Beginn des Krieges den Willen zum gegenseitigen sich Verstehen und Würdigen zwischen Nord und Süd eindringlich gefordert K Er verlangt unter anderem die Anerkennung der Tatsache, daß die Gabe der Organisation — und in ihr kann man die dem Norden eigentümlichen wertvollen Eigenschaften wie in einer abkürzenden Formel vielleicht wirklich am besten zusammenfassen — heute dank des Zusammenlebens im Bismarckschen Reiche nicht mehr auf den Norden beschränkt ist. Und hoch bewertet er die Mitgift, die der Süden an Gaben der Phantasie und des Geschmackes mitbringt. Wendete sich so der norddeutsche Gelehrte mit feinem Gefühl mehr an seine engeren Landsleute, so müssen wir Süddeutsche, und besonders wir Österreicher, unser Augenmerk mehr auf die Forderungen richten, die wir im Dienste der Angliederung und Ausgleichung an uns selbst zu stellen haben. Wir müssen uns da vor allem eines Umstandes bewußt werden, der eine besondere Verpflichtung für uns begründet: daß nämlich die Dinge, die wir vom Norden zu übernehmen haben, leichter erlernbare Dinge sind, als umgekehrt. Eigenschaften des Willens sind Sache der Zucht; zu Disziplin und Pflichterfüllung kann man sich und andere erziehen; es gibt auch eine moralische Abhärtung. Dagegen Eigenschaften des Gefühls, des Temperaments, der Phantasie haften stärker am Blut, sind persönlicher, naturwüchsiger und lassen 1 1 Im Geleitwort zur 3. Auflage von Weltbürgertum und Nationalstaat, S. 523 f. Vgl. auch A. Rapp, Der deutsche Gedanke, seine Entwicklung im politischen und geistigen Leben seit dem 18. Jahrhundert, 1920.

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