Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

sich daher schwerer übertragen und verallgemeinern. Outen Willen und zähe Ausdauer wird das Werk der Angleichung, die darum noch lange nicht in blinde Gleichmacherei ausarten muß, jedenfalls brauchen. Der Anteil, den an diesen Verschiedenheiten die verschiedene Blutzusammen­setzung hat, ist freilich unwägbar. Aber wir dürfen sagen: fast immer noch ist die Geschichte stärker als die Natur und der Geist stärker als das Blut gewesen. Und wir müssen die geistige Mainlinie beseitigen — müssen hinauskommen über den Zustand, den man manchmal versucht ist auf die Formel zu bringen, daß der Norden den Süden wohl gut leiden mag, aber nicht recht achtet, während der Süden den Norden wohl achtet, aber nicht recht leiden mag. Glücklicherweise bezeichnet das nur die äußersten Grenzfälle. Aber ein Kern bitterer Wahrheit steckt darin. So können wir unsere Gedanken am 50. Jahrestag der Gründung des zweiten Deutschen Reiches zusammenfassen in dem Entschluß, für ein drittes, ein größeres Deutsches Reich zu arbeiten, zu dem auch wir Deutschösterreicher gehören. Aber die wichtigste Voraussetzung, Recht­fertigung solchen Strebens, habe ich zum Schluß noch zu nennen. Ich sagte vorhin, die Frage, ob nicht eben die Reichsgründung und die Machtpolitik unser Volk ins Unglück gebracht, sei überhaupt falsch ge­stellt. In der Tat, es steckt in ihr ein logischer Fehler, eine offenkundige Verwechslung. Nicht weil wir zu viel Macht besessen oder angestrebt haben, sind wir gefallen, sondern weil wir uns der Macht, die das Geschlecht Bismarcks in unsere Fiände gelegt, nur kriegerisch, aber nicht politisch und sittlich wert und würdig erwiesen haben. Wonach haben denn vor dem Krieg die weiten Kreise unseres Volkes gestrebt? Etwa nach Macht, Krieg, Eroberung? — Lassen wir doch diese Märchen unseren Gegnern und sagen wir die Wahrheit, die jeder von uns kennt, kurz und klar heraus: die weiten Kreise unseres Volkes wollten ver­dienen und genießen. Und sie haben ihren raschen Reichtum nicht durch sozialen Gerechtigkeitssinn gerechtfertigt. Kein Gesetz — und wäre es so groß gedacht wie Bismarcks Sozialversicherung — kann Klassengegensätze verhüten und ausgleichen. Das kann nur ein starkes Gemeingefühl und nationales Pflichtbewußtsein, das alle Klassen zur Volksgemeinschaft verbindet. Die soziale Frage ist durch gute Einrich­tungen allein nicht zu lösen. Es gibt nur eine Sozialpolitik und das ist die der national bedingten sozialen Gesinnung. Auch die führenden Schichten haben die Versuchungen, die an ein sieghaftes Volk und ein rasch reich werdendes Volk herantreten, nicht voll bestanden. Sie hielten an alten Rechten strenger fest als an alten Pflichten. Sie ruhten auf alten Lorbeeren aus; aber auch Lorbeeren ver­45

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