Historische Blaetter 1. (1921)
Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland
und könne Deutschland nicht aushungern. Deutschland habe keinen Grund, besorgt zu sein, und sei auf alles gefaßt. Wie merkwürdig klingt heute nach sieben Jahren diese Behauptung eines guten Kenners der maritimen Verhältnisse! Der Kritiker Alfred Kerr, zu dem Bourdon weiter pilgert, unterscheidet sich von den Vorgenannten dadurch, daß er gleich am Anfang mit der größten Bestimmtheit bestreitet, daß die von dem Journalisten ausgefragten Herren ihm die Wahrheit gesagt hätten. Kerr, dessen ausgesprochen scharfes Preußentum und universelle Bildung Bourdon schwer vereinigen kann, stellt zwei Tatsachen nebeneinander: jeder Deutsche fühlt sich von Frankreich angezogen, jeder Deutsche ist aber auch mit dem Gedanken an Krieg vertraut. Das sage man den Ausländern nicht. Niemand scheue einen Feldzug, man spreche darüber ohne Erregung, man berechne den Gewinn: die Zertrümmerung Frankreichs, die Kriegsentschädigung von 25 Milliarden, da Frankreich das letzte Mal zu rasch gezahlt habe. Deutschland sei ein Land der Kaufleute, kenne kein anderes Ideal als verdienen und reich werden. Daher schaut man auch mehr nach England. Aus soziologischen Gründen hält er den Krieg zwischen einem Deutschland, das mehr Spielraum und mehr Kolonien braucht, und einem Frankreich, das zu sehr allgemein menschlichen Ideen vertraut, für unabwendbar, obwohl er selbst darüber unglücklich wäre als Freund Frankreichs. Die Wohnung Maximilian hardens, den Bourdon jetzt aufsucht, erscheint ihm als eine richtige Bücherhöhle. Überall sieht er nur Gedrucktes in allen Formaten, in allen Sprachen. Nach dem Herausgeber der »Zukunft« gibt es in Deutschland keine öffentliche Meinung. Der Bürger kümmert sich bloß um sein Geschäft und sein Geld, für Politik bleibt ihm keine Zeit, und er überläßt sie den Regierenden, die auf diese Weise sehr frei schalten können. Eine Ausnahme machen die Sozialdemokraten. Harden glaubt an den Frieden, bemerkt aber ungern in Frankreich Anzeichen kriegerischer Stimmung. Frankreich will Elsaß-Lothringen wieder haben, das weiß man, aber sonst bestehen eigentlich keine Reibungsflächen. Die Marokkopolitik sieht er als ganz verfehlt an. Er nimmt die französische Revancheleidenschaft als Tatsache hin, findet darin aber etwas, was in der Geschichte noch nie dagewesen ist. Er begreift sehr wohl, daß ein Volk haßt und Krieg führen will; unverständlich und unzulässig erscheint es ihm, daß es dann fortwährend sagt, es wolle den Frieden, aber nur bis zur günstigen Gelegenheit, und es werde der Tag schon kommen, wo . . . Harden empfiehlt ein Bündnis, das nur durch Elsaß-Lothringen verhindert werde. Krieg oder Bündnis 146