Historische Blaetter 1. (1921)
Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland
ein Drittes gibt es für ihn nicht. Der Krieg wird aber nicht der letzte sein und der Besiegte unter allen Umständen an Rache denken. Den Vorteil würde erst Amerika und dann China haben, und schließlich würde das alte Europa zusammenbrechen. Frankreich brauche nur zu vergessen und sich nicht mehr denjenigen anzuschließen, die Deutschland für schwächer und ärmer halten, als es ist. Die Stunde ist vielleicht entscheidend. Darum heißt es nachdenken, aber nicht zu lange, damit nicht später einmal in der Geschichte gesagt werden muß: zu spät! Immer wieder beschäftigt sich Bourdon mit der deutschen Heeresvermehrung von 1912. Er legt alle Einzelheiten seinen Lesern vor und berechnet, wie viele Soldaten Deutschland in Zukunft mehr haben wird. Er denkt unablässig an die Gefahr für Frankreich, aber er zieht doch auch die gewaltigen Veränderungen im Südosten in Betracht. Mit der Türkei habe Deutschland selbst eine Niederlage erlitten. Den meisten Auskünften, die er über militärische Dinge bekommt, traut er nicht, er fürchtet immer noch, getäuscht zu werden, und freut sich deshalb um so mehr, in einer Gesellschaft einen württembergischen Major vom Generalstab zu treffen, der sich sehr offen ausspricht, die großen Rüstungen ohne weiteres zugibt, aber bestimmt dafür eintritt, daß der schönste Sieg, den Deutschland erringen könne, der Friede sei. In begeisterten Worten preist dieser Offizier das Volk in Waffen. Andere Länder haben Heere, aber Deutschland ist ein Heer, das ein Land hat. Preußen hat Deutschland geschaffen, und der militärische Geist hat Preußen geschaffen. Auf Friedrich den Großen folgte Jena! Preußen schien durch die Niederlage vernichtet, und trotzdem hat es sich wieder erhoben. Dies Wunder ist durch das Heer vollbracht worden. Wenn aber die Deutschen militärisch gesinnt sind, so sind sie durchaus nicht kriegerisch, obwohl die Franzosen den Unterschied nicht verstehen können. Gerade die Franzosen sind noch von derselben Kriegslust erfüllt, die schon Cäsar an ihnen beobachtete. Mit seinem Ehrenwort verbürgt sich der Major dafür, daß weder Offiziere noch andere Volkskreise sich mit Angriffsabsichten tragen. Die Unentbehrlichkeit guter Finanzen für die Kriegführung legte es Bourdon nahe, mit den Leitern großer Banken in Verbindung zu treten und ihre Ansichten zu hören. Gutmann von der Dresdner Bank klagt über die französischen Kollegen, die sich nicht rein geschäftlich halten wollen und immer die Politik hineinmischen. Man erinnert sich daran, daß dieser Vorwurf auch schon von Kiderlen-Wächter erhoben wurde. Nach Gutmann ist Deutschland friedfertig, wünscht aber auch Ansehen zu genießen und fürchtet sich vor niemandem. 10* 147