Historische Blaetter 1. (1921)
August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden
reichs gegen Holland blieb offen. Diesem Anerbieten hatte nicht nur der Zar und sein von Metternich gewonnener Minister Graf Nesselrode, sondern auch der von dem Österreicher überredete Vertreter Englands, Lord Aberdeen, und in gewissem Sinne selbst der preußische Kanzler, nunmehr Fürst Hardenberg, zugestimmt, der zwar der entscheidenden Konferenz nicht beiwohnte und in seinem Tagebuch Metternichs Antrag als »tolles Zeug« bezeichnete, ihn aber dennoch zuließ und auch später nicht dagegen auftrat, daß Nesselrode in seinem Namen votierte. Ein gefangener französischer Diplomat, Herr v. Saint-Aignan, ging mit den von ihm nach einem Gespräch mit den alliierten Ministern in einem Memorial niedergeschriebenen Vorschlägen nach Paris \ Im Grunde hatte ja die Teplitzer Übereinkunft der vier Alliierten — auch England war beigetreten — den Rhein als Kampfziel festgesetzt, und es war damit gegeben, daß man, nachdem es erreicht war, an Frieden dachte. Umso mehr als der Kaiser von Rußland mit seinen Generalen, der von Österreich mit seinem militärischen Vertrauensmann, dem General Duka, und namentlich der König von Preußen, zunächst einem Einmarsch in Frankreich sehr wenig geneigt waren. Wenn man nun auch noch in die Botschaft an den Franzosenkaiser die Bedingung aufnahm, daß der Krieg nicht als beendet angesehen werde, sondern ohne Stillstand der Waffen weiterdauern solle — ein Vorschlag, den Napoleon im August 1813 selbst einmal gemacht hatte — so war es nur, um die offenkundige Sehnsucht des französischen Volkes nach endlicher Ruhe durch die Aussicht auf eine feindliche Invasion noch zu steigern und für den Kaiser zwingend zu machen. In einer Proklamation an die Franzosen erklärte man dann auch noch nicht gegen sie, sondern nur gegen das Übergewicht des französischen Empire Krieg zu führen. Napoleon aber ließ sich nicht zwingen. Auch nicht durch die lockende Verheißung, die man dem Boten mitgegeben hatte, England sei zu großen Opfern und zur Anerkennung der freien Handelsschiffahrt Frankreichs bereit2. Hätte er sofort zugegriffen, er hätte vielleicht die Volksmeinung * Siehe über die Vorbereitung der Sendung Saint-Aignans und deren Begleitumstände meinen »Kongreß von Chätillon« und Oncken, Aus den letzten Monaten des Jahres 1813 (Räumers Hist. Tb. 6. Folge, II. S. 23ff.), worin namentlich Lord Aberdeens nicht geringer Anteil an den Beratungen aus dessen Berichten nach Hause nachgewiesen ist. Später, 12. Jänner 1814, schreibt Humboldt an seine Gattin, er habe den Schritt mit Saint-Aignan gemißbilligt und dem Kanzler ein schriftliches Memoire darüber gegeben. »Er ist auch insofern unschuldig daran, daß Metternich ihn zur Unterredung mit Saint-Aignan nicht zugezogen hatte.« (Wilh. u. Karoline von Humboldt, IV. 214.) Ihn aber doch auch gewiß nicht in Unkenntnis gelassen hatte. Das von Aignan unterschriebene Dokument vom 9. November, bei Fain, Manuscrit de 1814, S. 38ff. Aberdeen bezeichnete es in einem Bericht vom 9. November als »interview« und »perfectly unofficial«. (Oncken, a. a. O. S. 27.) J Siehe das Memorial bei Fain, Ms. de 1814, a. a. O.