Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

ganz von Alexander I. eingenommen, in der Fortexistenz des napoleo- nischen Kaiserreichs allein alles Übel erblickten und nur auf dessen völlige Beseitigung bedacht waren? Denn wenn es dem Zaren gelang, wie er plante, auch noch Bernadotte auf den französischen und die alte Dynastie der Wasa wieder auf den schwedischen Thron zu bringen und in beiden dankschuldige Helfer zu gewinnen: wo war dann in Europa die Macht, die seinem Willen Einhalt tat, da Preußens König sich ihm, durch Sachsen befriedigt, nicht entgegenstellen würde? Zwar wünschte jetzt Stein in einem einheitlich organisierten Deutschland ein Boll­werk gegen den ungemessenen Ehrgeiz anderer zu gewinnen. War denn aber ein zentralisierter deutscher Bundesstaat möglich, wo es noch zwei deutsche Großmächte gab, deren historische Rivalität der Zusammen­fassung aller Gewalt in einer Hand als Hindernis im Wege stand und wo es an Macht und Mitteln fehlte, die kürzlich erst souverän gewor­denen Dynastien zur Subordination zu nötigen? Solche Macht und Mittel wären, wie die Dinge lagen, nur durch eine kräftige Mitwirkung Rußlands — etwa wie 1803 — zu gewinnen gewesen, was jedoch, an sich widersinnig, schon daran scheitern mußte, daß der ausgreifenden russischen Politik ein starkes deutsches Gesamtreich ebensowenig entsprach wie den dynastischen Interessen des Petersburger Hofes1. Metternichs Einfluß auf Alexander und seine nicht geringe Geltung im Hauptquartier der Souveräne hielten auch nach der kriegerischen Entscheidung in Sachsen noch an. Sie ließen es ihn durchsetzen, daß, als man in Frankfurt angelangt war, ein Bote an Napoleon mit der Antwort auf dessen Friedensantrag während der Leipziger Schlacht abging. Sie bestand in dem Angebot der »natürlichen Grenzen« Frank­reichs — Rhein, Alpen, Pyrenäen — wie sie die Revolution und ihr Kriegsgenie für den gallischen Staat erkämpft hatten, als Basis für Friedensverhandlungen auf einem Kongreß. Die Frage der Grenze Frank­1 Wir lesen in der Instruktion für den Grafen Daniel Alopäus, der im März 1813, nach Abschluß des Bündnisses, als russischer Gesandter nach Preußen gegangen war: er möge nicht vergessen, daß Preußen dem russischen Reich als Avantgarde zu dienen habe, indem man es im allgemeinen Gleichgewicht der Mächte dem Gewicht des Nordens zuzähle. (Martens, VII. 97.) Und in der Dienstweisung für die Bevoll­mächtigten Rußlands auf dem Wiener Kongreß vom August 1814: sie sollten für die Rechte Oldenburgs eintreten und das Interesse geltend machen, das der Zar an Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt nehme, im übrigen aber darauf achten, daß der gegenwärtige Stand der Dinge in Deutschland nicht zu sehr geändert werde. (Ebenda, VII. 156.) Alopäus hatte schon im Oktober 1813 die Rückkehr zur alten Ordnung der Dinge in Deutschland empfohlen und daß Rußland stets zwar seinen Rat in den deutschen Dingen abgeben, es keineswegs aber zur Zu­sammenfassung einer größeren deutschen Staatsmacht in einer Hand kommen lassen solle. (Ebenda, VII. 99.) Ob wohl Stein von diesen geheimen Aufträgen und Berichten Kenntnis hatte? Es ist kaum anzunehmen.

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