Historische Blaetter 1. (1921)

G. v. Below: Zur Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft

Hegel sie noch ohne eine Ahnung von der modernen naturwissenschaft­lichen Geschichte grundlegend erörtert. Von Hegel hat sie K. Marx übernommen und bedeutungsvoll erweitert. Dann brach... die Ge- schichtstheoretik des Naturalismus hervor und hat auch ihrerseits mit ihren Mitteln das Problem in mannigfacher Hinsicht erweitert und vertieft, in­dem sie sich auf die moderne naturwissenschaftliche Psychologie zurückzog. Aus den Unmöglichkeiten einer solchen Psychologie rief dann Dilthey die Historie wieder zu sich selbst zurück.« Wie man sieht, ignoriert Tröltsch hier vollständig die romantische Geschichtschreibung, das heißt die große Masse der Geschichtswerke vom zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts an (falls er nicht etwa durch die Formel »vor allem Hegel« die Möglichkeit offen lassen will, daß neben Hegel noch ein bescheidener Kreis von anderen Leuten in Betracht käme). Natürlich ist es richtig, daß Hegel noch keine »Ahnung von der modernen natur­wissenschaftlichen Geschichte« gehabt hat. Aber es ist die Frage, ob vor dieser in Wahrheit vor allem nur Hegel die Grundprobleme der historischen Dynamik erörtert hat. S. 389 bemerkt Tr. weiter: »Die Hegelsche Dialektik ist die erste große Theorie der historischen Dyna­mik. Alles andere ist Abwandelung ihrer und im Gegensatz zu ihr er­wachsen, ohne daß sie dabei jemals vollständig beseitigt worden wäre.« Hier bestreitet Tröltsch also die Selbständigkeit der historischen Dyna­mik, wie sie die Romantiker vertreten, falls er diese überhaupt im Sinn hat. S. 421: »Soweit Rankes Geist die deutsche Historie bis heute be­herrscht, ist auch sie von dem freilich immer dünner, unphilosophischer und haltloser werdenden Geiste Hegels erfüllt, und das macht ihren starken Unterschied gegenüber der soziologisch und kausalitäts-psycho- logisch ganz anders orientierten westlichen Geschichtschreibung aus L« Danach müssen wir annehmen, daß das wenige, was von Hegels Geist noch in der deutschen Geschichtswissenschaft vorhanden ist, ihr Cha­rakteristikum ausmacht. An einer Stelle äußert sich Tröltsch übrigens in einem Widerspruch mit seiner so starken Betonung der Selbständig­keit Hegels. S. 410 lesen wir: »Die dialektische Staatsidee bedeutet zu­gleich eine kultur- oder besser geistesgeschichtliche Auffassung der Geschichte, womit alle die Antriebe der Romantik, das geistige, aus dem Unbewußten quellende und darum durch ein geheimes Band immerdar geeinigte und verschmolzene Leben in dieser inneren Einheit zu schildern, in ein strenges Bett gesammelt und logisch begründet sind.« Nach dieser 1 1 Tr. fügt in einer Anm. (S. 421, A. 2) hinzu: »Das tritt bei Fueter und Below nicht genügend hervor.« Darin hat er recht. Aber wir wollen das auch gar nicht hervortreten lassen, weil es eben etwas Unrichtiges ist.

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