Historische Blaetter 1. (1921)
G. v. Below: Zur Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft
Stelle würden wir anzunehmen haben, daß Hegel doch nicht so sehr selbständiger Begründer der ganzen Bewegung als vielmehr Vollender der Romantik ist. Tatsächlich ist er weder das eine noch das andere. Zu der zuletzt genannten Stelle behauptet Tröltsch in einer Anmerkung: »Das vermerkt v. Below mit besonderer Genugtuung als Ursprung auch der Kulturgeschichte1..wobei er übrigens ebenso wie Fueter alles in den großen Topf der Romantik wirft. Die philosophischen Hintergründe bemerken beide nicht.« Derselbe Vorwurf kehrt später (S. 421, A. 2) nochmals wieder: »die eigentlich philosophischen Hintergründe sind bei beiden (Fueter und mir) wenig deutlich geworden und eben damit auch die geschichtsphilosophischen Probleme selbst.« Wie erhaben klingt es, wenn der Philosoph hier uns Historikern zu verstehen gibt, daß wir »die philosophischen Hintergründe nicht bemerken« usw.! Tröltsch’ Mißgeschick ist nur, daß er, der Philosoph, nicht die nötigen Unterscheidungen in der Geschichte der Ideen zu machen vermag. Selbstverständlich habe ich nicht einmal von weitem die Ansicht vertreten oder gar »mit besonderer Genugtuung vermerkt«, daß Hegel Vollender der Romantik sei. Selbstverständlich haben Fueter und ich keineswegs »alles in den großen Topf der Romantik geworfen«, sondern säuberlich zwischen ihr und Hegel unterschieden. Der Vorwurf des »Alles-in-den großen-Topf-Werfens« würde nur Tröltsch treffen, insofern er alles in den großen Topf der Hegelschen Philosophie wirft. Selbstverständlich haben wir die »philosophischen Hintergründe« bemerkt, aber nur da, wo sie wirklich vorhanden sind *, und eben zwischen ihren verschiedenen Arten unterschieden. 13 1 Dieser Satz (man lese ihn S. 410, A. 1 vollständig nach) ist, abgesehen von seiner sachlichen Unrichtigkeit, zugleich charakteristisch für die nachlässige Ausdrucksweise von Tröltsch. Was hat er bei dem »das« wohl besonders im Auge? »Tr. meint seinen kritischen Bemerkungen gegen mich größeren Nachdruck durch den Vorwurf der politischen Tendenz geben zu müssen S. 421, A. 2: »Parteinahme für die romantisch-konservative Geschichtsforschung« (vgl. S. 410, A. 1; ähnlich Tr. in seiner Schrift »Die Dynamik der Geschichte nach der Geschichtsphilosophie des Positivismus«, S. 4, A. 2). Niemand wird bestreiten, daß die romantische Geschichtschreibung, ganz im allgemeinen genommen, einen konservativen und auch politisch konservativen Zug hat, zumal in ihrem Gegensatz zur französischen Revolution. Ich persönlich aber habe es gerade als charakteristisch für die romantische Bewegung und als einen Vorzug von ihr geltend gemacht, daß sie politisch und kirchlich einen viel breiteren Raum einnimmt, als man oft behauptet hat, daß es irrig sei, sie als parteimäßig konservativ begrenzt und als in einer ganz bestimmten kirchlichen Richtung festgelegt aufzufassen. Vgl. meine »Geschichtschreibung«, S. 8 ff. und meine »Parteiamtliche neue Geschichtsauffassung«, S. 8 ff. Wenn Tr. sich von der Besorgnis erfüllt zeigt, durch die Anerkennung von Verdiensten der Romantik könnten auch Verdienste der »konservativen Partei« anerkannt werden, und darum jene möglichst zu bestreiten sucht, so wäre es doch — da nun einmal große Verdienste der Romantik nicht zu bestreiten sind — von seinem Standpunkt aus ein zweckmäßigeres und geschickteres Verfahren gewesen, auf den von mir betretenen Boden sich zu begeben und den Nachweis zu verstärken, daß die Romantik über den Rahmen der konservativen Partei hinausgeht. Sein jetziges Verfahren aber ist Tendenzdarstellung.