Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

Frage kam, dessen Willen zu lenken, wie es ihn gut dünkte1? Als Hardenberg in den ersten Oktobertagen beim Zaren anklopfte, erhielt er zwar Danzig für Preußen zugestanden, sobald es erobert sein werde, im übrigen aber keine bindende Zusage2. Erinnerte sich Hardenberg nicht, daß Alexander bei den Verhandlungen im Februar dem Bevoll­mächtigten Preußens erklärt hatte, er werde sich über Polen erst nach dem Frieden positiv erklären, bis dahin aber keinen Oeheimvertrag darüber abschließens? Und wenn nun Friedrich Wilhelm III. wieder auf den Breslau-Kalischer Vertrag zurückgriff, ganz Sachsen für sich ins Auge faßte und seinen Anspruch auf das Herzogtum Warschau bis auf ein Verbindungsland zwischen Ostpreußen und Schlesien aufgab, so konnte der weitere Handel zwischen Preußen und Rußland nur um dessen Ausmaß gehen. So vollzog sich schon damals, in Teplitz, eben als man sich formell verbündete, die innerliche Scheidung zwischen diesen beiden naturgemäß expansiven Staaten einerseits und dem seiner Natur entsprechend mehr defensiv und konservativ organisierten Österreich anderseits, das längst auf die bayrischen und orientalischen Eroberungsabsichten Kaiser Josephs II. verzichtet hatte, vorderösterreichisches und belgisches Land nicht mehr zu besitzen wünschte und nur in Italien die alte Vorherrschaft und etwas von dem verlorenen Polen wieder zu erlangen strebte. Die Politik und die Kriegsereignisse werden fortan von diesem Gegensatz beeinflußt sein, der sich insbesondere an der polnischen Frage, als der 109 1 Mit völligem Stillschweigen wird man bei dieser Gelegenheit nicht an einer Stelle in einem Briefe Vorbeigehen dürfen, den Alexander 1. am 20. Juli 1S13, das ist noch vor der politischen Entscheidung an seine Schwester Katharina geschrieben hatte, die damals sich in Prag aufhielt und österreichfreundlich gesinnt war, da sie an eine Ehe mit Erzherzog Karl dachte. Sie lautet: »Ich bedaure, daß Sie mir noch immer nichts über Metternich gesagt haben. Ich habe die nötigen Fonds.« Sie habe Vollmacht »ä aller en avant avec cette tactique, la plus süre de toutes partout oü besoin ce sera«. (Nicolai Michailowitsch, Correspondence de I’Emp. Alexandre avec la Grandduchesse Catherine, p. 156). Ob die Großfürstin dem Wunsche des Bruders, und mit welchem Erfolg, nachkam, ob Metternich Geld annahm, ist nicht bekannt. Die Sitte der Zeit nahm es einem Staatsmann nicht allzusehr übel, wenn er etwa für einen Schritt, den ihn seine Pflicht tun ließ, sich von anderwärts mit Geld beschenken ließ. Nur wäre hier Geld geflossen dafür, daß ein notwendiger Schritt, nicht getan wurde. Hier würde sich die Möglichkeit zeigen, daß nicht nur Metternich den Zar, sondern zugleich auch dieser ihn für sich gewonnen hatte. Daß man rus- sischerseits mit Geld nicht sparte, zeigt die reichliche Zuwendung an Gentz (bei Nesselrode, Lettres et papiers, V. 63ff.) und daß Metternich wie Hardenberg und Talleyrand u. a. Geld annahmen, ist bekannt. S. sein Charakterbild in meiner »Geheimpolizei auf dem Wiener Kongreß« S. 33 f. 2 Tagebuch Hardenbergs vom 2. Oktober 1813: »Bei Nesselrode und bei dem Kaiser Alexander. Mit ihm über die deutschen und polnischen Sachen und über Danzig ge­sprochen. Letzteres sollen wir erhalten, sobald es gewonnen sein würde. Ver­sprechungen wegen Polen. Aber nichts Bestimmtes.« 3 Oncken, Österreich und Preußen, II. 174.

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