Historische Blaetter 1. (1921)
August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden
darauf, beim Rückzug über das Erzgebirge, eine harte Probe zu bestehen gehabt, aus der sie jedoch die Erfolge Blüchers bei Wahlstatt und der Nordarmee unter Bernadotte bei Großbeeren, namentlich aber die unter den Augen der Souveräne gewonnene Aktion bei Kulm am 20. und 30. August ungefährdet hervorgehen ließen, so daß man im Hauptquartier zu Teplitz an die Abfassung der Bündnisverträge zwischen Österreich und Rußland, Rußland und Preußen, Preußen und Österreich schreiten konnte. Nun war aber, was sie enthielten, doch nicht unwesentlich von der Reichenbacher Abmachung verschieden. Wenn auch, dieser entsprechend, das Kriegsziel weiter, bis an den Rhein erstreckt und die Unabhängigkeit der Rheinbundstaaten für den Friedensschluß gefordert werden sollte — auch Westfalens, Bergs und Erfurts Räumung sollte verlangt werden — so war jetzt von einer Teilung Warschaus und der Verwendung polnischen Gebietes für den Wiederaufbau Preußens zu seiner Höhe von 1805 nicht mehr die Rede. Vielmehr hieß es in dem zwischen Alexander und Friedrich Wilhelm aufgezeichneten Vertragsinstrument (bei Martens a.a. O.), daß man die Kalischer Vereinbarung vom Februar in aller Kraft aufrecht erhalten wolle, das heißt, die beiden Monarchen entzogen sich der Reichenbacher Übereinkunft und ließen ihre alten Absichten — Alexanders auf Warschau, Friedrich Wilhelms auf Sachsen — wieder aufleben. Das weitere Schicksal des polnischen Herzogtums blieb unausgesprochen; man werde sich darüber »gütlich« (ä 1’amiable) verständigen, hieß es jetzt, ohne daß dafür eine Frist bestimmt worden wäre. Mehr konnte Alexander zunächst nicht wünschen. Metternich hatte den günstigen Augenblick, die Frage, die ihm so viel Sorge bereitet hatte, in definitiven territorialen Bestimmungen zu lösen, Vorbeigehen lassen, während der Zar ihn ausnützte. Die Umstände lagen für diesen freilich günstig: Österreich war bereits für den Krieg gewonnen und würde sich ihm jetzt, wo man gegen den Feind im Vorteil war, nicht mehr entziehen; das Herzogstum Warschau war von russischen Truppen besetzt und Sachsen war Kriegsgebiet. Ob aber Metternich nicht doch durch eine feste und nachdrückliche Forderung mehr erzielt hätte als die Aussicht auf »Herstellung eines Gleichgewichts der Mächte in Europa und eine entsprechende Verteilung ihrer Kräfte zu diesem Ende«? Freilich hätte er diese Forderung schon stellen müssen als Bedingung für Österreichs Beitritt zur Koalition. War, was ihn damals und jetzt daran hinderte, jene Überzeugung von seiner unbedingten Geltung bei Alexander, die ihn sicher hoffen ließ, seinerzeit, wenn es zur Ordnung der polnischen 108