Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)

Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres

70 Geschichte des Jahres. Piemontcsen herrenlos gewordenen Lande das Resul­tat zu fälschen und damit die letzte Chance der Eidge­nossenschaft auf eine, ihr günstigere Lösung der sa- voyischen Frage zu vernichten. Indessen retteten die Schweizer wenigstens ihre Ehre, indem sie thaten, was irgend in ihren Kräften stand. Der Bundesrath be­rief die Bundesversammlung nach Bern; und am 29. März beschlossen Stände- und Nationalrath die Gut­heißung aller von der Erecutive bis dahin getroffenen Maßregeln, bewilligten die zu weiteren Schritten er­forderlichen Vollmachten und Kredite, und erklärten die Rechte der Schweiz selbst für den Fall bedroht, daß es unter der französischen Herrschaft bei einer Neutra-- lisirung Nordsavoyens verbleibe. Herr v. Thouvenel suchte die, in der Eidgenossenschaft herrschende Aufre­gung durch das Versprechen zu mildern: Frankreich werde das Faucigny, Genevois und Chablais nicht militärisch besetzen, wenn nicht militärische Maßregeln der Schweiz Repressalien hervorriefen. Daß sie keine tumultuarischen Streiche haben wollten, hatten die helvetischen Behörden inzwischen selbst bewiesen. Als sich nemlich eine Schaar von Lärmmachern in der Nacht vom 29. auf den 30. März in Genf des Dam­pfers „Aigle" bemächtigte; unter dem Commando Eines dem Club der „fruitiers d’Appenzell" ange- hörigen Advokaten, Namens Perier, nach dem Städt­chen Thonou am savoyischen Ufer des Leman hinüber- suhr ; und dort so wie in dem benachbarten Evian sinn- und zwecklose Zechgelage mit der Bevölkerung der beiden Ortschaften abhielt, wobei man es an anti­französischen Liedern nicht fehlen ließ, über das Trin­ken und Singen aber nicht herauskam: schickte die Genfer Cantonalregierung den Putschenden sofort Gendarmen nach, die den ganzen, aus 32 Mann be­stehenden Haufen noch am selbigen Tage gefangen in Genf einbrachten. Noch ein äußerstes Auskunftsmittel versuchte der Bundesrath: er verlangte, daß bei der Abstimmung in Nordsavoyen die Frage nicht blos auf Annexion oder Nichtannexion, sondern auch auf An­schluß an die Schweiz gestellt werde. Selbst das ward abgeschlagen, da man in den Tuilerien über die Ein- müthige Hinneigung der neutralen Distrikte zur Eid­genossenschaft nicht in Zweifel sein konnte. Da Herr von Thouvenel außerdem erklärte, Frankreich werde die Sendung eidgenössischer Truppen nach Genf mit der sofortigen militärischen Occupirung Neutralsa- voyens beantworten: mußte die Schweiz sich endlich wohl in das Unvermeidliche fügen. Sie entließ die Mannschaften, die sie seit dem 25. März einberufen hatte: was thaten dieselben auch unter den Fahnen, seitdem es unwiderruflich feststand, daß alle Ausdauer der Republik nicht einmal im Stande war, eine ein­zige Großmacht zur Einreichung eines Protestes in Paris zu bewegen? Die Schweiz war der einzige Staat, der einen solchen in aller Form Rechtens in den Tuilerien übergeben ließ. So konnte denn am 22. April die A b st i m m u n g i n S a v o y e n u n d Nizza vor sich gehen, Eine der widerwärtigsten Far­cen, welche die Welt je erlebt! Die französischen Agen­ten hatten einen so schamlosen Eifer bewiesen und sich so ungeschickt benommen, daß im Ganzen nur etwa 70 Boten gegen die Einverleibung ausfielen — dermaßen hatte man die Bevölkerung mit Verhaftungen und Drohungen, mit Spirituosen und mit dem Hinweis auf Cayenne bearbeitet, daß nicht einmal diejenige Zahl von schwarzen Kugeln aufzutreiben war, die nach den vorangegangenen Demonstrationen dem einfach­sten Anstandsgefühle entsprochen hätte. In den letzten Tagen des Mai sanctivnirte endlich das Turiner Par­lament, schweren Herzens zwar, aber doch mit 229 gegen 33 Stimmen, während 23 Deputirte sich des Votums enthielten, den Vertrag vom 24. März. „Na­poleon — erklärte Graf Cavour in der betreffenden Sitzung — Napoleon hat die größten Sympathien für Italien, aber der Kaiser kann dieselben nicht fort­setzen, wenn die Parteien, die in Frankreich selber einer Vergrößerung Sardiniens ungünstig gestimmt sind, nicht durch die Cession Savoyens zufriedenge­stellt werden. Wir sind außer Stande, unser System zu ändern: der in Rede stehende Traktat aber ist nothwendig für die Erhaltung des guten Einverneh­mens mit Frankreich; er bildet einen integrirenden Theil der, auf die Befreiung Italiens abzielenden Politik. Den Besitz der annexirten Provinzen Cen­tralitaliens hat uns der Kaiser nicht verbürgt: wir haben aber auch eine solche Garantie gar nicht begehrt. Uns genügt das Bewußtsein, insbesondere durch das von uns gebrachte Opfer der ganzen Theilnahme Frank­reichs sicher zu sein, so wie die Erklärung des Kai­sers, er werde das Prinzip der Nichtintervention auf­recht erhalten. Zu Gunsten der Autonomie Toskanas hat Frankreich keinen Druck ausgeübt; es sind selbst die einschlagenden Verhandlungen nur auf außerdi­plomatischem Wege geführt worden; so wie wir be­stimmt aussprachen, daß die Selbstständigkeit des Großhcrzogthums verschwinden müsse, ward von fran­zösischer Seite keine Einwendung mehr erhoben." Lange ehe die Annexionsfragen zu einer defini­tiven Lösung gediehen waren, hatten sich Alle Blicke nach Unteritalien gewendet, wo eine, mit jedem Tage weiter um sich greifende Revolution, erst der Herr­schaft der Bourbonen über S i c i l i e n , bald den Thron Neapel's überhaupt zum Wanken brachte. Sollte die Bildung einer italienischen Conföderation, wie sie in Villafranca verabredet und in Zürich auf's neue stipulirt worden war, etwas anderes sein, als eine Handhabe zur Wiederherstellung des österreichischen Einflusses auf der apenninischen Halbinsel, so mußte diesem Akte selbstverständlich eine gründliche Umgestal­tung des Regierungssystemes int Kirchenstaate wie in Neapel vorangehen. Wie an Pius IX. waren da­her auch an Franz II. von Frankreich und Eng­land ans dringende Aufforderungen zur Anbahnung von Reformen gerichtet worden: nur mit dem Unter­

Next

/
Oldalképek
Tartalom