Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)

Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres

Geschichte des Jahres. 71 schiede, daß in Rom der Kaiser, in Neapel Lord Rus­sell, und zwar auf weit gebieterischere Manier als Na­poleon , das große Wort führte. Aber eben so be­harrlich wie der Papst setzte der König jedem derarti­gen Ansinnen eine entschiedene Weigerung entgegen: gleich dem heiligen Vater ließ er es seine einzige Sorge sein, sich für vorkommende Eventualitäten zum energischen Widerstande rüsten. Kriegsbereitschaft der Armee, die seit dem Spätherbste unter General Pia- nelli an der römischen Grenze in den Abruzzen con- centrirt ward, und Verstärkung der Streitkräfte auf der Insel: das waren die Punkte, denen der junge Monarch seine Aufmerksamkeit zuwandte — und zwar um so mehr, seit dies- wie jenseits des Faro immer unzweideutigere Anzeichen einer steigenden politischen Aufregung sich kund gaben, welche durch den Noten­wechsel des neapolitanischen Kabinetes mit den Höfen von Paris und London, so wie durch die Haltung der westmächtlichen Gesandten in der Capitale selber, na­türlich noch erhöht ward. Schon Ende November kam es in Potenza, der Hauptstadt der Basilicata, bei Ge­legenheit der Aushebungen zu ernsten Unruhen: um dieselbe Zeit fanden Tumulte in Palermo statt, die man nur durch die Verhängung des schärfsten Bela­gerungszustandes unterdrücken konnte. Die Regierung glaubte zuletzt einem Klub in Neapel selber auf die Spur gekommen zu sein, von dem ihrer Meinung nach das ganze Treiben ausging: in der Nacht vom 12. auf den 13. December wurden dort massenweise Ver­haftungen, namentlich in dem Adelöcasino und über­haupt in den höheren Ständen bewerkstelligt. Aber in den letzten Tagen des Februar wurde sogar in der Abruzzenarmee eine kolossale Militärverschwörung ent­deckt, so daß Pianelli sich genöthigt sah, 200 Soldaten in Ketten legen zu lassen: und in Folge davon schritt die hauptstädtische Polizei am 1. März zu einer Wie­derholung der December-Razzia. Diesmal griff dieselbe bis in die unmittelbarste Umgebung des Monarchen hinauf, dessen Einer Kammerherr zu den Arretirten gehörte. Während nun aus Sicilien Nachrichten an­langten, daß sich dort der Unwille der Bevölkerung im Laufe des März durch ein Attentat aus den Poli­zeidirektor von Palermo Maniscalco, der indeß nur einen leichten Dolchstoß erhielt, und durch die Ermor­dung des Generalprocurators von Messina, so wie durch das Werfen von Handgeschossen, die mehrere Personen verwundeten, nach dem Polizeichef der letzte­ren Stadt Luft gemacht: Traten auf der Terrafirma die Liberalen bereits aus dem Dunkel der Conspira- tionen auf die offene Straße hinaus. Der Graf von Syracus, der durch seine Gemahlin, eine Prinzessin Savoyen-Carignan, mit der sardinischen Herrscherfa­milie verschwägert war und seinen königlichen Neffen, Franz II., schon im vorhergehenden Jahre gleich nach dem Thronwechsel zum Anschlüsse an Piemont gegen Oesterreich aufgefordert hatte, veröffentlichte am 3. April neuerdings eine Denkschrift, in der er abermals auf eine Allianz mit Victor Emmanuel und auf Verlei­hung einer Constitution drang: die einzige Antwort des Hofes bestand darin, daß der Polizeiminister Ajossa Befehl erhielt, ein Auge auf den Prinzen zu haben, und Vollmacht, ihn nöthigenfalls aus dem Reiche zu weisen. Demungcachtet bewies drei Tage später eine kolossale Demonstration zu Gunsten einer Verfassung, die in der Toledostraße in Scene gesetzt ward und gegen welche das Militär einschreiten mußte, da sich über 5000 Menschen daran betheiligt hatten, daß die große Menge eben so dachte, wie der Graf von Syracus. Damit hatten aber auch die Ma­nifestationen der Terrafirma auf geraume Zeit hinaus ihr Ende erreicht: denn fortan bildete das Festland den regungslosen Zuschauer der Jnsurrection, die auf Sicilien ausgebrochen war und in der kurzen Spanne Zeit von fünf Monden der Dynastie eines Staates mit zehn Millionen Einwohnern die Krone kostete. Der Statthalter Siciliens, Fürst Caftelcicala, und der Commandant der Truppen, Marschall Salzano, hatten die Entdeckung gemacht, daß ein großer Theil des Klerus für die Sache der Revolution gewonnen sei, und daß namentlich die Mönche von Gancia ihr, hart vor den Thoren Palermo'S gelegenes Kloster zu einer großen heimlichen Waffenniederlage hergegeben hätten. Am 6. April erschienen daher in aller Frühe 200 Mann königlicher Soldaten mit zwei Geschützen vor der Gancia und verlangten Einlaß, um eine Durchsu­chung vorzunehmen. Statt dieser Aufforderung nach­zukommen, empfingen die Mönche sie mit Flintenschüs­sen ; und erst nach zweistündigem blutigem Kampfe ward das Kloster mit stürmender Hand genommen. Inzwischen aber waren die Bauern aus den mnltegeit-» den Dörfern tut Osten von Palermo, namentlich aus Bagheria herbeigeeilt und hatten sich an den Thoren der Stadt drei Stunden lang mit den, gegen sie aus­geschickten Kolonnen herumgeschlagen; von allen Thür­men begannen die Glocken Sturm zu läuten; gegen 10 Uhr griffen die Insurgenten auch die vor dem Südthore postirten Truppen an; und um Mittag war der Kampf in allen Straßen der Kapitale ein allge­meiner geworden, wobei sich gezeigt hatte, daß die Aufständischen sogar mit zwei gezogenen Kanonen ver­sehen waren. Erft am 7. wichen die Meuterer vor der Uebermacht der Königlichen in das Innere der Insel zurück, ohne indeß zersprengt, oder entmuthigt zu sein, ja ohne auch nur nachdrücklich verfolgt zu wer­den. Bald erwies sich, daß die Regierung es mit einer wohlorganisirten und lange vorbereiteten Revolution zu thun habe: denn am 8. wiederholten sich die Sce- nen des 6., wenngleich in kleinerem Maßstabe, zu Messina, wo in der FerdinandSftraße aus den Fenstern aus die Soldaten gefeuert und Möbel herabgeschleu­dert wurden. Von der Citadelle aus wurde sofort ein Bombardement auf die Stadt eröffnet, das die fried­lichen Einwohner zur massenhaften Auswanderung nöthigte, allein die Ruhe nicht wiederherstellte. Auch

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