Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)

Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres

Geschichte des Jahves. 123 Fahnen und drei Geschütze, von den Oesterreichern eine gezogene Kanone. Bald zeigte sich, daß FZM. Gyulai in Folge der Schlacht von Magenta sich da­rauf beschränken mußte, die zweite Armee hinter die Minciolinie zu führen, um sie dort mit der im Rayon des Festungsvierecks unter Wimpffen aufgestellten zu vereinigen. Schon mit Tagesanbruch des 5. begann die Räumung Mailands, wo am 8. die verbün­deten Monarchen ihren Triumpheinzug hielten: eine Proklamation Napoleon's verhieß den Italienern, daß sie allein über die zukünftige OrganisationHhres Landes zu beschließen haben, daß sie „morgen die Bürger einer großen freien Nation sein sollten, wenn sie sich heute als tapfere Soldaten bewährten." In­zwischen setzten die Oefterreicher ihren Rückzug gegen die Adda auf drei Linien fort. Der rechte Flügel unter Urban schlug den Weg nach Canonica und Cassano ein, in der Mitte wendete sich Benedek gegen Lodi, der Haupttheil unter Graf Gyulai zog unver- folgt und unbehelligt auf dem linken Ufer des Po. Diesem Truppenkörver schloß sich die Besatzung von Piacenza an, nachdem sie — wie ebenfalls in Pavia geschehen war — binnen zwanzig Stunden die Fe­stungswerke zerstört und die Vorräthe und Geschütze theils in den Po gestürzt, theils auf Dampfern ein- geschifft hatte. Auch die kleine Festung Pizzjghettone wurde geräumt und die Brücke über die Adda ver- 1 brannt. Benedeck dagegen hatte bei M e l e g n a n o ein Gefecht zu bestehen. Am 8. Juni rückte Bara- t guay d'Hilliers mit drei Kolonnen heran. Das Tref- ; fen wüthete am heftigsten dort, wo die Oesterreicher sich hinter der Kirchhofsmaner verschanzt hatten. Nach Erstürmung dieses Punktes, wo österreichischer SeitS General Baer fiel, stellten die Franzosen die Verfol­gung ein. Die Oefterreicher verloren bei Melegnano an Todten 8 Offiziere und 112 Mann, an Verwun­deten 15 Offiziere und 234 Mann; an Vermißten 800 Mann. Die Einbußen der Franzosen wurden von denselben zu 12 todten und 56 verwundeten Of­fizieren, zu 141 todten, 669 verwundeten und 64 vermißten Soldaten angegeben. General Urban hatte kurz vor der Schlacht von Magenta sowohl Como als Varese wieder genommen: nach dem 4. mußte er, um nicht abgeschnitten zu werden, eiligst südostwarts retiriren. Sowohl die drei Kriegsdampfer auf dem Langensee, als die Besatzung von Laveno mußten ge­opfert werden. Die Dampfer zogen sich in einen Hafen der Schweiz zurück, wo man sie entwaffnete, und dasselbe Schicksal wartete der 650 Oefterreicher aus Laveno auf dem neutralen Boden der Republik. Der Aufstand des Veltlins, der bereits begonnen hatte, wurde nun allgemein. Da der Wormser Paß dadurch bedroht wurde, so rief der Erzherzog Karl Ludwig die Tyroler zu den Waffen. Ein Versuch Garibaldis aber, Urban auf seinem weiteren Rück- ' zuge nach der Chiese zu beunruhigen, ward am 15. Juni bei Castenedolo abgewiesen; lyer Freischaa­rengeneral mußte zurück nach Brescia flüchten. Auch die österreichischen Besatzungen im Kirchenstaate räumten nunmehr vom 11. bis 13. Juni Bologna, Ancona, Ferrara und Commacchio, um möglichst schnell zur Hauptarmee zu stoßen: aber allenthalben wo die Oefterreicher abzogen, nistete die Revolu­tion sich ein. Als die Kaiserlichen Bologna räumten, verließ auch der päpstliche Legat die Stadt; und sofort war eine provisorische Regierung installirt, welche den Anschluß der Romagna an den Krieg ge­gen Oesterreich verkündete. Am 9. mußte die Herzo­gin von Parma mit den Ihrigen die Flucht nach der Schweiz antreten: am 14. verließ Franz V. mit dem größten Theile seiner Truppen Modena, und begab sich in das kaiserliche Hauptquartier zu Verona. Kaiser Franz Joseph, der schon am 29. Mai von Wien aufgebrochen war, übernahm nemlich, mit FZM. Baron Heß als Generalstabschef zur Seite, am 14. Juni den Oberbefehl über die erste, von Wimpffen kommandirte und über die zweite Armee, an deren Spitze am 17. statt des Grafen Gyulai der General der Kavallerie Graf Schlick trat. Kurz vor­her war die Bildung vier neuer Armeekorps, des 13. bis 16., angeordnet worden. Leider hatten während dieses ersten Aktes des iialienischen Feldzuges auch die diplomatischen Verhältnisse kaum eine für Oesterreich gün­stigere Gestalt angenommen. Am allerwenigsten war i auf England zu rechnen, das zuviel mit sich selber ; und seinen politischen Parteizerwürfnissen zu thun Hatte; wo überdies die öffentliche Stimmung sich von allen Seiten weitaus zu entschieden im Sinne der Bewahrung des Friedens um jeden Preis geltend machte: als daß selbst die Tories daran hätten denken können, sich in die kontinentalen Händel zu mischen. So eröffnete denn die Regierung das neue Parla­ment am 8. Juni mit abermaligen Nentralitätsver- sicherungen: und doch mußte sie es erleben, daß das Unterhaus bereits am 11. mit 321 gegen 310 Stim­men das wegen ihrer auswärtigen Politik von dem Marquis Hartington beantragte Mißtrauensvotum annahm. Lord Derby ward gestürzt, weil seine Ver­waltung in den Augen der Gemeinen immer noch zu große Lust bezeigte, sich in die italienische Frage mindestens mittelbar einzumischen. Von seinem Nach­folger Lord Palmerston, dem intimen Freunde Na­poleon's, der sich als Kollegen für das Auswärtige Lord Russell, den stehenden Vorkämpfer aller natio­nal-liberalen Bestrebungen, zugesellte; in dessen Ka­binet Gladftone, der weltbekannte Verfechter der Sache Reapel's, eintrat; der sogar Cobden ein, freilich nicht acceptirtes Portefeuille, anbot: von die­sem Gouvernement hatte die Wiener Regierung na- : türlich noch viel weniger zu erwarten, daß es sich, sei es gegen Frankreich, sei es gegen die italienische Erhebung erklären werde. So war es denn nur zu 1 begreiflich, daß noch sechs Tage nach der Schlacht

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