Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)
Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres
124 Geschichte des Jahres von Solferino am 30. Juni der Premier als Grundlage seines dein Unterhause mrtgetheilten Programmes „strenge Neutralität" hinstellte. Allerdings sprach er gleichzeitig etwas von seinem „unablässigen Hinwirken auf das Zustandekommen des Friedens." Was unter dieser Floskel zu verstehen sei, zeigte jedoch am besten die Note Lord Russell's vom 8. Juli, d. h. vom Tage des Waffenstillstandes zu Villafranca, in welcher er Preußen, aus dessen Verlangen, die drei vermittelnden Mächte sollten sich nun endlich einmal über ein bestimmtes Mediationsprojekt einigen, entgegnete, dazu sei es noch viel zu früh, und nur dringend vor jedem Schritte warnte, der zu einer Erweiterung des Kriegsschauplatzes führen könne! Die öffentliche Ankündigung des „Moniteur", daß die Formirung einer rheinischen O b s e r v a- t i o n s a r m e e vollendet und P e l i s s i e r , den auf seinem Gesandtschaftsposten in London Persigny abgeloft, als deren Kommandant in Nancy eingetroffen sei, sowie die Schlacht von Magenta bewogen Preußen freilich, am 14. Juni die Mvbilisirung von 6 Armeekorps zu verfügen. Da aber die Negierung selber anzeigte, es geschehe dies lediglich „um bei der Regulirung der italienischen Frage mit dem nöthigen Gewichte aufzutreten"; da, um jeden Zweifel zu heben, die offiziöse „Preuß. Z." ausdrücklich hinzufügte „auch fernerhin werde die Politik Preußens den Charakter nicht verleugnen, den sie seit dem Beginne der Verwicklung an sich getragen": war so viel gewiß, daß die Ueberschreitung des Tessin und die Ueberschwemmung der Lombardei durch die Verbündeten für die Berliner Negierung noch kein Grund war, ihre passive Nolle irgendwie zu modifi- ziren. Dieselbe wollte, wie die „Preuß. Z." offen erklärte, weniger die Verträge, als vielmehr nur „das europäische Gleichgewicht im Prinzip" schützen — und behielt sich im eigenen Namen und in demjenigen des Bundes die ausschließliche Beur- theilung darüber vor, ob ein Bruch der Verträge jenes Gleichgewicht störe und demgemäß bedeutend genug sei, um Preußen zu veranlassen, sein und Deutschland's Schwert in die Wagschale der Entscheidung zu werfen, oder nicht. Auch als Preußen am 25. Juni in Frankfurt den, am 2. Juli genehmigten Antrag einbrachte, das 7. und 8. Bnndes- korps am Rheine zusammen zuziehen, die Verleihung des Oberbefehles über diese Armee der Krone Baiern anheim zu geben, und Preußen zu autorisiren, mit seinen mobilisirten Heerkörper auch auf außerpreußi- schem Gebiete Stellung zu nehmen — auch da versäumte die „Preuß. Z." nicht, sofort zu deklariren: „Preußen sei frei von jeder Verpflichtung gegen Oesterreich und nicht gemeint, einen Krieg für die Legitimität gegen die Revolution zu führen; es'wolle lediglich die Grenzen Deutschland's schützen und dem Bunde den ihm gebührenden Einstuß bei dem Friedensschlüsse sichern." Hart war es indeß, daß Deutschland sich gerade um diese Zeit, vom 10. bis 22. Juni, vom Fürsten Gortschakoff, vom Grafen Wa- lewski, von Lord Russell um die Wette förmlich wie ein Schulknabe die Leviten lesen lassen mußte: „der Bund sei zu rein defensiven Zwecken gestiftet und habe sich jeder Offensive gegen Frankreich umsomehr zu enthalten, als ihm ja Napoleon die beruhigendsten Zusicherungen gegeben, denen unbedingt Glauben zu schenken die Pflicht Deutschlands sei;" — daß Herr von Schleinitz auf diese, der Form wie dem Inhalte nach wahrhaft unerhörten Zurechtweisungen keine andere Antwort fand, als die in seinem Rundschreiben vom 24. Juni ausgesprochene Betheuerung „Preußen sei durch seine jüngsten Maßregeln den Vorschriften der Mäßigung durchaus nicht untreu geworden" — und daß die Anmaßungen des Auslandes ohne jede deutsche Replik geblieben wären, wenn nicht Herr v. Beuft es über sich genommen, im Namen Sachsens mindestens dem russischen Minister eine entsprechende Antwort zu ertheilen. So auf die eigenen Kräfte angewiesen, hatte man im Hauptquartier zu Verona, nachdem die verbündeten Monarchen am 18. Juni in Brescia eingerückt waren und zwei Tage darauf die noch weiter vorwärts liegenden Positionen von Lonato, Castiglione und Montechiaro rekognoscirt hatten, nun die Frage zu lösen, ob man den Feind hinter dem Mincio erwarten, oder ihm bis an die Chiese entgegen gehen solle. Wohl mit aus Rücksicht darauf, daß Prinz Napoleon mit seinem jetzt 35,000 Mann starken Korps bereits den Apennin überschritten hatte und in Parma eiugetrof- fen war, von wo aus er das Gros der sardofränki- schen Armee in kürzester Frist erreichen konnte, entschied Kaiser Franz Joseph sich für die Offensive. Am 20. verlegte er sein Hauptquartier nach Valeggio im Mittelpunkte des Festungsviereckes, während der Stab des Grafen Schlick sich in Cuftozza etablirte und d e r des Grafen Wimpffen in Mantua verblieb: gleichzeitig ließ Napoleon die Höhen von Lonato bis Volta besetzen. Am 24. überschritten die Oesterreicher mit den 7 Korps Benedeck, Stadion, Schaffgot- sche, Schwarzenberg, Clam-Gallas, Zobel, Weigl und zwei Kavallerie-Reserve-Divisionen den Mincio, um gegen die Chiese vorzumarschiren, wo sie folgenden Tages die Verbündeten in ihren alten Stellungen zu überraschen hofften. Die Allrirten aber wußten was sich drüben vorbereite und begannen selber den Angriff schon am 24. um 5 Uhr in der Frühe. Auf ihrem linken Flügel standen die, von zwei französischen Divisionen unterstützten Piemontesen Benedeck gegenüber; in der Mute hatten die von dem Kaiser und von dem FZM. Heß kommandirten Oesterreicher, die sich von Solferino bis Cavriana hin aus- dchnten, Napoleon mit den Korps Mac Mahon's, Baraguay d'Hilliers' und Regnault de St. Jean d'Angely's vor sich; nach dem Po zu occupirten Niel und Canrobert die Ebene, in welche drei Korps de