Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)
Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres
Geschichte des Jahres. 119 Befehl gegeben, den von Sardinien seit einer Reihe von Jahren verübten, nunmehr auf ihrem Höhepunkte angelangten Anfeindungen ein Ziel zu setzen — der Beherrscher Frankreich's habe sich unter nichtigen Vorwänden in die völkerrechtlich geordneten Verhältnisse der avenninischen Halbinsel eingemischt und seine Truppen zur Unterstützung Sardiniens bereits in Bewegung gesetzt—Oesterreich werde in dem Kriege nicht allein stehen; denn der Kaiser spreche als deutscker Bundeöfürs:, wenn er an die glorreichen Tage erinnere, wo Europa der aufflammenden Begeisterung seiue Befreiung zu danken gehabt." Gleichzeitig erschien ein Aufruf zur Bildung von Freikorps und wenig später eine Reihe zur Füllung des öffentlichen Schatzes bestimmter Dekrete, deren wichtigste die Bank ermächtigten, ihre Baarzahlungen einzustellen ; ein Anlehen des Staates im Nominalbeträge von 300 Mill. si. bei diesem Institute sank- tivnirten; mehrere indirekte Steuern erhöhten. Tagö vorher hatte Napoleon vom Corps Legislatif die Steigerung der fälligen Aushebung ans 140000 Mann und die Bewilligung einer durch Nationalsubskription zu deckenden Anleihe von 500 Mill. Frcs. begehrt. Nur ein Par Stimmen auf der äußersten Linken wagten einen scheuen Protest; nur Jules Favre und Ollivier erkühnten sich ohne Rückhalt zu sagen was alle Welt dachte: ,,wer Despotismus im eigenen Hause übt, dem kann es unmöglich Ernst sein mit der Befreiung Italiens; Milliarden sollen vergeudet, Tausende von Menschenleben sollen geopfert werden, nur damit wir neue, nicht aber bessere Verträge erhalten." Schon am 26. April erklärte Marquis B-uineville in Wien, Napoleon werde die Ueberschreitung des Tessin durch österreichische Truppen als einen Kriegsfall ansehen. Am 29. erhielt er sein Abberufungsschreiben; am 2. Mai verließ er die kaiserliche Hauptstadt, und zwei Tage darauf reifte Baron Hübner von Paris ab — während am 3. eine Proklamation Napoleon's gn die französische Nation der Welt verkündete: ,,daß er selb r sich auf den Kriegsschauplatz begeben werde, um den Italienern die Freiheit zu erringen; daß die Kaiserin zur Regentin während seiner Abwesenheit ernannt sei; daß er sie und den Thronfolger dem Schutze des Landes anvertraue." Am 9. ward das französische Kriegsmanifest veröffentlicht, worin Napoleon zum ersten Maie entschieden den Stab über die durch den Wiener Kongreß festgesetzten Territorialverhältnisse brach: „er wolle keine Eroberungen; allein Oesterreich habe die Dinge so weit getrieben, daß es entweder bis an die Alpen herrschen, oder Italien bis zur Adria frei werden müsse." Tags darauf verließ der Kaiser mit dem Prinzen Napoleon Paris und landete am 12. Mai in Genua; wo er sofort eine Proklamation an die Armee publizirte, um dieselbe durch die Erinnerung an die Heldenthaten seines Oheims anzuspornen und über die Gefährlichkeit der österreichischen Präcisionswaffen zu beruhigen. Am 14. traf er in Alessandria, dem Hauptquartiere Viktor Cmanuel's, ein: hier beschäftigte er sick ausschließlich damit, die beiden Heere in Einen Körper zu verschmelzen und den König von Piemont zu der Rolle eines französischen Divisionsgenerales he-.abzudrücken. Dieser Monarch seinerseits hatte sich von den Kammern für die Dauer des Krieges die Diktatur zusprechen lassen; von der Suspension der Verfassung alsbald fleißigen Gebrauch gemacht, indem sowohl die Preß- als auch sämmtliche Bürgschaften der persönlichen Freiheit aufgehoben wurden; und war am 1. zur Armee ab gegangen, nachdem er Tags zuvor ein Kriegsmanifest erlassen. Noch vor Ablauf der dreitägigen im Ultimatum gestellten Frist hatte am 25. April die Division Bourbaki's die sa- voyische Grenze überschritten; an dem nemlichen Datum waren in Genua die ersten direkt aus Algier anlangenden Turko's ausgeschiffk. Das lombardisch- venetianische Königreich war in diesem Augenblick von etwa 200,000 Mann besetzt. Oberbefehlshaber war Graf Gyulai; an der Spitze des Gencralstabs stand Oberst Khun von Khunenfeld; eine zum Rückhalt bestimmte zweite Armee in dem Festungsvierccke au dem Po und der Etsch befehligte Graf Wimpffeu ; Venedig war dem General Aleman übergeben worden. Außerhalb des eigentlichen Kriegsschauplatzes befanden sich österreichische Besatzungen in Piacenza, Ferrara und Commacchio, in Bologna und Ancona. Die Flotte hatte sich in den Hafen von Malamocco zurückgezogen, um mit ihren 450 Geschützen zur Dertheidigung von Venedig beizutragen. Da man die See nicht zu halten im Stande war, hatten auch die Küsten von Istrien und Dalmatien von einem Heere besetzt werden müssen. Die Sardinier konnten, solchen Streitkräften gegenüber, einstweilen nur darauf bedacht sein, Stellungen zu beziehen, wo sie sich bis zur Ankunft ihrer Verbündeten halten und die Wege, auf denen dieselben herbeieiltcn, decken konnten. Um Turin und die Straßen über den Mont Cenis zu schützen, nahm General Cialdini, ein alter Soldat ter napoleonischen Schule, an der Spitze eines Korps von etwa 20,000 Mann, dem Garibaldi's Schaar als Avantgarde diente, in den an der Dora Baltea aufgeworfenen Werken Position. Die piemontefische Hauptmacht — vier Divisionen Fußvolk, vier Regimenter leichter Reiterei und zwölf Batterien unter dem Könige — faßte zwischen Alessandria, Valenza und Casale Posten, d. h. an den Knotenpunkten der nach Turin und Genua führenden Eisenbahnen. Zugleich aber setzte Sardinien auch seinen zweiten Alliirten, die italienische Revolution, in Thätigkeit: von allen Führern der ,,Patrivten"-Partei erklärte nur Mazzini laut und rückhaltlos, eine „Befreiung Italiens mit pie- montesischer Hilfe sei zwar nicht sein Ideal, immerhin aber denkbar; von einer Befreiung Italiens durch