Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)

Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres

120 Geschichte des Jahres. den Imperialismus zu träumen, sei dagegen reiner Útifűm." Seine Stimme verhallte ungehört. Schon am 26. April erhoben sich Maffa und Carrara, zwei modenesische Provinzen, die der Apennin von dem Hauptlande trennt, und setzten eine provisorische Re­gierung im Namen Viktor ZmanueOs ein. Am näch­sten Tage brach die Bewegung in Floren; aus, wo das Militär sich Einmüthig für dieselbe erklärte. Der Großherzog glaubte den Sturm beschwichtigen zu können, wenn er den verhaßten General Ferrari entlasse, das Ministerium wechsle und die Neutrali­tät Toscana's proklamire. Er berief den Marchese La- jatico, aber dieser erklärte die Lage für so ernst, daß eS nur Ein Mittel gebe, eine Revolution zu verhin­dern — die Abdankung. Nach dieser Unterredung begab sich Leopold II. über Bologna nach Wien und von dort in das österreichische Heerlager bei Verona. Eine provisorische Regierung übernahm die Ge­schäfte ; der General Ulloa, der Vertheidiger Vene­digs im Jahre 1849, die Führung der Truppen. Die gegen Oesterreich verfügbaren Streitkräfte wur­den durch diese Revolution um 17,000 Mann ver­mehrt. Mittlerweile hatte Graf Gyulai in Mailand am 28. April um i 1 Uhr Vormittags die ablehnende Antwort auf das Ultimatum empfangen: leider aber gingen noch fast zwei volle Tage verloren, weil die Wiener Negierung einen neuen Vermittlungsvor- schlag England's angenommen nnd der Feldzeug - meister warten mußte, bis dessen Verwerfung von Seiten Napoleon'ö bekannt geworden war. Erst spät am 29. und am 30. erfolgte der Uebergang über den Ticino bei Buffalvra, Gravellona, Vige- vona und Pavia. Die unruhige Stimmung im Lande niederzuhalten, blieb FML. Urban mit einer starken fliegende Kolonne in der Lombardei zurück. Von den drei Abtheilungen der Jnvasionsarmee war die eine, die sich bei dem Oberfeldherrn Gyulai unmittelbar befand, 30,000, die zweite unter Benedek 60,000, die dritte unter Zobel 30,000 Mann stark. Der unmittelbarste Zweck des Vorgehens, die Besitznahme der sardinischen Provinz Lomellina, wurde ohne Wi­derstand erreicht. Die nächsten Bewegungen erweck­ten die Erwartung, daß Gras Gyulai rasch eine große Entscheidung suche. Se>'n rechter Flügel, der über Rovara und Vercelli vorging, schien bestimmt zu sein, Turin zu bedrohen, hauptsächlich aber die Eisenbahn bis zur Dora Baltea zu zerstören und Wege nnd Brücken ungangbar zu machen, um einen Marsch der Franzosen aus der Straße nach Mailand zu erschweren. Die österreichische Hauptmacht nahm die Richtung gegen den Po nnd gegen die bei Alcs- sandria versammelten Sardinier. Es war anzuneh­men, daß sie diese isoliren wolle, indem sie sich aus der einen Seite an der Eisenbahn, die von Turin nach Alessandria führt, fest setze, ans verändern Seite bis Novi an der Bahn, die Genua mit Ales­sandria verbindet, vorgehe, um die dorther kommenden Franzosen, sobald sie über den Apennin in die Ebene vordrängen, in das Gebirge zurückzuwerfeu. Hauptsächlich war es wohl das beispiellos schlechte Wetter, was diesen Plan vereitelte. Die durch das frühzeitige Schmelzen des auf den Bergen lagernden Schnee's angestauten Flüsse traten aus und über­schwemmten die nächsten Ländereien, so daß die Reis­felder , in Venen der Hauptreichthum der Lomellina besteht, dem Auge die Spiegelflächen von Seen zeig­ten. Dazu goß es Tage lang in vollen Strömen vom Himmel. So in seinen Bewegungen gehemmt, mußte Graf Gyulai den schnell herbeieilenden Fran­zosen Zeit-lassen, sich truppweise mit den Sarden zu vereinen, bis von einem Versuche, die Letzteren ver­einzelt aufzureiben, nicht mehr die Rede sein konnte. Wenn daher auch die französischen Truppen bei ihrem Marsche über die Alpen vielleicht noch mehr zu lei­den hatten, als die Oefterreicher in ihren Bivouac's in der Lomellina: kam doch der ganze Vortheil eines Witterungswechsels, der Turin und die Sarden bis zum Eintreffen ihrer Alliirten vor einem lleberfalle errettete, ausschließlich ihnen zu Gute. Sie be­nutzten hiezu theils von Culoz aus die Viktor-Ema- nnel-Bahn, die sie bis an den Fuß des Mont Cenis brachte; theils die Straße über den Mont Genevre, wo sie dann in beiden Fällen jenseits ver Alpen in Susa die Waggons bestiegen, die sie nach Turin trans- portirten; theils, namentlich die Reiterei, die be- quente Route, die längs der Küste am Südrande der ligurischen Apenninen hin vom Var über den Co! di Tenva nach Genua läuft; theils endlich den See­weg nach letzterem Hasen, wohin sie dann in Mar­seille oder Toulon eingeschifft wurden. Die franzö­sische Hilfsarmee, über welche Napoleon selber den Oberbefehl führte nnd bei der Marschall Vaillant als Generalstabschef fungirte, bestand aus vier Korps unter den Marschällen Baraguay d'Hilliers und Can- robert, den Generalen Mac Mahon und Niel ; ein fünftes Korps, dasderPrinz Napoleon kommandirte, war er|t in der Bildung begriffen uni) zu abgeson­derten Operationen in den insurgirten Theilen Mit- telitaliens bestimmt; die Garden mit Regnault de Saint Jean d'Angely an der Spitze formirten einen eigenen Heerkörper. Der rechte Flügel Gyulai's drang unter unbedeutenden Vorpostcngesechten bis Vercelli am rechten Sesiaufer, wo sich vom 8. bis II. Akai das Hauptquartier befand; ja, er schob feine Patrouillen bis Jvrea an der Dora Baltea nnd bis Biella wenige Meilen nordwärts von Turin vor, so daß in dieser Kapitale die Nationalgarde allarmirt werden mußte. Wie die Sesia-, so sollte aber auch die Polinie zur Deckung gebraucht werden. Man beunruhigte daher die ganze Strecke von Cornale am Po dis Candia an der Sesia, und täuschte den Feind dadurch über die Stellen, denen es wirklich galt. Der Uebergang bei Cornale erfolgte am 7. Mai in einer rabenfinftern Nacht und bei fortwäh-

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