Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)

Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres

118 Geschichte beS Jahres. entheben. Die Mission des Grafen Karoly nach Pe­tersburg im April eiwies sich als so vergeblich, daß eine von Oesterreich rrojektirte zweite außerordentliche Gesandtschaft, zu ler Graf Eßterhäzy ausersehen war, unterblieb; die Sendung des Grafen Münster von preußischer Seite verbat Fürst Gortschakoff sich geradezu als übersiüßig, weil der Czar seine Ent­schlüsse in unabänderlicher Weise gefaßt habe. Eben so wenig änderte der am 18. Mai erfolgende Rücktritt des Grasen Buol, len Graf Rechberg ersetzte, während Baron Kübeck an se in er Stelle das Präsidium des Frankfurter Bundestages übernahm, etwas an dieser Sachlage. So selten sich denn noch im Mai je zwei russische Armeekorps gegen die preußische und österrei­chische Grenze in Bewegung mit der unverhohlenen Absicht,' aktiv in den Konflikt einzugreifen, sobald Deutschland und Preußen aus ihrer Passivität heraus- trcten würden. Ja, als Gerüchte von der Rarifizi- rung eines österreichisch-türkischen Vertrages laut wurden, dem zufUge die beiden Paciscenten sich ver­pflichtet hätten, lurch gemeinsame Truppenkonzentri- rungen zur Aufrechthaltnng der Ordnung in den Do- naufürstcnthümern und den slavischen Provinzen der Pforte zu koopeiirm: verlangte Herr von Boutenieff in Konstantinopel sofort Aufschlüsse über die Bedeu­tung der von den Sultan unternommenen Rüstungen und drohte, ih» als Bundesgenossen Oesterreich's zu betrachten, falls den russischen Forderungen nicht bin­nen Monatsfrist genügt werde. Als jedoch etwas später eine französische Escadre den türkischen Hafen Antivari besetzte und ihn zur Basis ihrer Operationen im adriatischen Meere machte: erhob sich auch nicht Eine Stimm«, die Unabhängigkeit des osmanischen Reiches zu rertheidigen, und Napoleon ließ durch Herrn von Tluvcnel dem Padischah einfach notifiziren, er möge sich dter Proteste enthalten, die ihm zu nichts nützen würden; die Verantwortung Rußland und England gezenüber nehme der Kaiser auf sich. Eine Einigung Oesterreich's mit Preußen und Deutschland war daher kaum 1813 so dringend erforderlich, wie gegenwärtig: sie herbeizusühren, war der Zweck der Reise, melde Se. kaiserl. Hoheit der Herr Erzherzog Albrecht am 12. Avril nach Berlin antrat. Wirklich mrd so viel erreicht, daß schon am 23. April der Bundlstag auf Preußens Antrag die Kriegsbe­reitschaft ler Hauptkontingente und die zur Armirung der Burdesfestungcn notwendigen einleitenden Schritte beschloß: noch an demselben Tage ward die Marschbereitschaft drei preußischer Armeekorps, d. h. des preußischen Kontingentes, durch den Prinzregen­ten angcvrdne! und.der zugehörigen Landwehr aufge­geben, ler Mobilisirungsordre gewärtig zu sein. Die Nachricit, daß von Wien aus ein Ultimatum an Sar­dinien ergangen, welches alle Hoffnungen auf eine friedliäe Lösung illusorisch mache, schreckte aber das Berliner Kabinet von sem damit betretenen Wege so­fort weder zurück. Zwar ward am 5. Mai die Kriegs­bereitschaft auch auf die sechs anderen Armeekorps Preußens ausgedehnt und von den Kammern die Be­willigung zu einer Nationalanleihe von 40 Mill. Thalern so wie zu vielfachen Steuerznschlägen be­gehrt, was die Volksvertretung ohne weiteres znge- stand. Aber schon am 28. hatte die Berliner Regie­rung in einem Rundschreiben an die deutschen Höfe, vor dem Landtage und in ihrem offiziösen Organe rund heraus gesagt: „alle diese Vorkehrungen seien rein defensiver Natur; ihr Zusammentreffen mit der Absendung des Ultimatums sei ganz zufällig; die letztere sei vielmehr auch für Preußen eine unange­nehme Ueberraschung gewesen; nie werde Preußen sich gegen seine Absicht in einen Krieg hineinziehen lassen, der Deutschland nicht berühre; es wolle durchaus nur die Interessen des Bundes schützen, die mit seinen eigenen identisch seien." Herr von Schleinitz ging noch weiter: er schloß sich dem Pro­teste an, den Rußland und England in Wien gegen das Ultimatum einreichen ließen; und offenbarte überhaupt große Neigung, sich durch eine Depesche des Grafen Walewski vom 3. Mai beruhigen zu lassen, in welcher Frankreich die Neutralität Deutsch- land's zu achten versprach und die Earl Malmes- bury durch eine, von jedem aggressiven Schritte gegen Napoleon abmahnende Note unterstützte. Ge­neral von Willisen, der Anfangs Mai nach Wien geschickt ward, hatte den Auftrag, Oesterreich von jeder „Uebereilung" abzumahnen, da Graf Buol in Frankfurt eine Berathung darüber eröffnen wollte, ob nicht der in Artikel 14 der Bundesakte angedeu­tete Fall vorliege: „wenn die nichtdeutschcn Besitzun­gen eines Bundesgliedes angegriffen werden, kann der Bund beschließen, daß Gefahr für ihn selber vorhanden fei." Ja, als Hannover am 13. Mai in Frankfurt den Antrag auf Zusammenziehung eines Observationskorps am Oberrhein einbrachte: wider­sprach Herr v. Usedom geradezu und stellte im Na­men Preußens das Begehren „der Berliner Negie­rung müsse jede Initiative verbleiben; allen, den Ereignissen vorauseilenden und die Grenzen des Bundesrechtes überschreitenden Beschlüssen werde der Prinzregent sich mit Entschiedenheit widersetzen" — oder, in der Sprache der Berliner Bläiter: „als europäische Großmacht könne und werde Preußen sich durch die deutschen Mittel- und Kleinstaaten nicht majorisiren lassen." Auch die Rede, mit wel­cher der Prinzregent am 14. Mai den Landtag schloß, änderte an dieser Lage der Dinge nichts; denn auch sie erwähnte mit keiner Silbe, daß Preu­ßen für die V e r t r ä g e von 1815 sein Schwert ziehen wolle. Mittlerweile hatte i n I t a l i e n der Kamps bereits begonnen. Ein vom 29. April datirtes Ma­nifest Apóst. Majestät kündigte den Völkern Oesterreich's an: „daß der Kaiser seiner Armee den

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