Andrea Sommer-Mathis: Ergänzungsband 11. Die Tänzer am Wiener Hofe im Spiegel der Obersthofmeisteramtsakten und Hofparteienprotokolle bis 1740 (1992)
Die Tänzer am Wiener Hofe OMeA 24 unfol. und OMeA Prot. 12 fol. 6r - lOv (1728 Januar 28, Referat mit Resolution, Nr. 4; Beilagen: Bittgesuch der Theresia Selliers; 1728 Januar 14, präs. 1728 Januar 18, Gutachten des Hofmusikdirektors); OMeA Prot. 12 fol. 17r (1728 Februar 21, Bescheid): Bittgesuch der Theresia Selliers um Aufnahme als Hoftänzerscholarin. Der Hofmusikdirektor kann sie nicht empfehlen, weil er zweifelt, daß der Kaiser „an ihrem, in der lezteren opera dell’ornospade74) gethanem Tantzen, vnd ihrer von gar zu unproportionirter Statur seyenden Person ein allergnädigstes Belieben getragen haben werden“. Laut Gutachten des Obersthofmeisters sprechen auch wirtschaftliche Überlegungen gegen ihre Aufnahme, weil die Besoldungen der Hoftänzer ohnehin sehr hoch seien, und das Hofarar nicht zusätzlich belastet werden solle. Theresia Selliers wird abgewiesen. OMeA 29 unfol. und OMeA Prot. 14 fol. 52r - 57v (1733 Februar 18, Referat mit Resolution, Nr. 5; Beilagen: 1732 Dezember 19, Bittgesuch des Joseph Selliers; präs. 1733 Januar 2, Lit. B, Gutachten des Hofmusikdirektors): Bittgesuch um die Stelle des verstorbenen Hoftanzmeisters Simon Pietro della Motta, „seine, mitels mehrer dan 3000 fl. eigener Unkosten, durch zwey Jahr lang in Paris bey denen Meistern Blondé75) und Becour Fundamentaliter erlehrnete Ballets Com- ponirang, und daß von Jhme hierinfahls auff dem alhiesigen Starts Theatro fortführende Exercitium vorstellend“. Alexander Phillebois erhält die vakante Stelle, und Joseph Selliers wird mit der Begründung abgewiesen, er sei „ohne deme schon von Eüer Kay: May: sattsamb Begnadet“. Die Resolution Karls VI. aus dem Jahre 1724 zeigt, daß der Kaiser als oberste Instanz oft, aus seiner persönlichen Kenntnis einzelner Künstler heraus, Entscheidungen traf, die durchaus im Widerspruch zu den Empfehlungen seiner höfischen Berater stehen konnten und auch finanzielle Bedenken hinsichtlich der Situation des Hofärars gänzlich außer acht ließen. Vielleicht war es die Ausbildung bei berühmten französischen Tanzmeistem, vielleicht auch die Anerkennung der Verdienste seines Vaters, die Karl VI. dazu bewegten, Joseph Selliers trotz seiner vom Hofmusikdirektor attestierten körperlichen Mängel in seine Dienste aufzunehmen. Die Bedeutung des bloßen Titels eines wirklichen Hoftänzers zeigt sich an dem Hinweis, daß er dadurch leichter Schüler finden werde und auch eine bessere Partie machen könne. Daß Joseph Selliers vielleicht nicht über besonders große tänzerische, 74) Die Oper „Omospade“ (Text: Apostolo Zeno, Musik: Antonio Caldara, Ballettmusik: Nicola Matteis, Ballette: Thoma Caetano della Motta/Alexander Philebois, Bühnenbilder: Giuseppe und Antonio Galli-Bibiena) wurde am 4. November 1727 aufgeführt. 73) Nicolas Blondy (1675-1739) war ab 1691 Ballettmeister an der Pariser Oper. 67