Andrea Sommer-Mathis: Ergänzungsband 11. Die Tänzer am Wiener Hofe im Spiegel der Obersthofmeisteramtsakten und Hofparteienprotokolle bis 1740 (1992)
Andrea Sommer-Mathis Bittgesuch von Franz Joseph Selliers um Aufnahme seines Sohnes Joseph als Hoftänzerscholar. Der Obersthofmeister rät dazu, weil Franz Joseph Selliers selbst nur 560 Gulden jährlich beziehe, jedoch für den Unterhalt von acht Kindern zu sorgen habe, „bey welcher Bewandtnus, fast vor eine allmuesen vor Ihn zu nehmen wäre, wan Ewer Kay: May. dessen Sohn Sohn (sic!) vor einen Hoff=Scolarn mit der darauff gehöhriger Besoldung auffzunehmen allergnädigst geruhen mögten“. Placet des Kaisers. Joseph Selliers wird mit 10. November 1717 als Hoftänzerscholar mit 560 Gulden jährlicher Besoldung aufgenommen. OMeA 19 unfol. und OMeA Prot. 10 fol. 227r - 235v (1724 März 16, Referat mit Resolution, Nr. 1; Beilagen: 1722 April 27 und 1723 März 29, Gutachten des Hofmusikdirektors; zwei Bittgesuche von Franz Joseph und eines von Joseph Selliers); OMeA Prot. 10 fol. 254rv (1724 Mai 2, Bescheid): Der Obersthofmeister kennt zwar den Wunsch des Kaisers, die angesichts der schwierigen Zeiten nötigen Personal- und Gehaltseinsparungen vorzunehmen und keine neuen Hofbediensteten aufzunehmen, legt dem Kaiser aber dennoch einige Bittgesuche zur Resolution vor, unter anderem auch das des Franz Joseph Selliers aus dem Jahre 1722, in dem er um Beförderung seines Sohnes Joseph Selliers vom Scholaren zum Hoftänzer gebeten hatte, unter Verweis auf seine eigenen langjährigen Dienste und seine Sorgepflicht für neun „lebendige“ Kinder. Joseph Selliers sei bereits seit sieben Jahren Hoftänzerscholar und auf Kosten des Vaters zur Perfektion seiner tänzerischen Fähigkeiten im Ausland gewesen. Als wirklicher Hoftänzer könne er endlich selbständig werden und sich in der Stadt Schüler suchen. - 1725 wiederholen Vater und Sohn ihre Bitte, wobei Joseph Selliers, gleichfalls unter Verweis auf seine zweijährigen Studien in Paris, auch zu bedenken gibt, daß er als wirklicher Hoftänzer „eine vortheill- haffte Heyrath Treffen könte, seiner Brauth Eltern aber ohne solchen character nicht darein verwilligen wolten“73). Dabei würde Joseph Selliers das Hofärar nicht weiter belasten, denn seine bisherige Besoldung von 560 Gulden bliebe ja weiterhin gleich. Der Hofmusikdirektor hält Joseph Selliers jedoch nicht für ausreichend qualifiziert für die Stelle eines wirklichen Hoftänzers: „II piü essenziale si é ch’egli non ha abbilitä al- cuna nel Ballo di teatro si per la deboleza de genochi, che per non intendere ed esegui- re la forza delli passi, onde non puole ne meno auer la capacitä per ora / quando fosse Maestro / idearsi nelle congiunture inuenzioni di Balli Figurati; l’altri motiui saranno a uoce umilmente da me spiegati alia Maesta Vostra, . . Der Musikgraf erinnert auch daran, daß der Kaiser 1722 sogar Bedenken gehabt habe, den jungen Alexander Phille- bois als Hoftänzer aufzunehmen, der doch Joseph Selliers an tänzerischen Fähigkeiten weit übertreffe. Der Obersthofmeister wiederum verweist auf die angespannte finanzielle Lage und auf die Notwendigkeit zu sparen. Außerdem seien am Kaiserhof genügend Tänzer vorhanden, jedenfalls mehr als unter den beiden Vorgängern Kaiser Karls VI. Ausnahmsweise deckt sich auch die Meinung des Ohersthofmeisters mit der des Musikdirektors bezüglich der mangelnden künstlerischen Qualitäten des Joseph Selliers. Dennoch nimmt ihn der Kaiser, ohne weitere Begründung, als Hoftänzer auf und reiht ihn vor Franz Tamm. 75 75) Bei der Braut dürfte es sich um Theresa, die Tochter des Bassisten Ranieri Borri- ni, handeln, die selbst auch in Hofballetten mitwirkte. 66