Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

68 Oder erwartet uns hier eine ebenso große Enttäuschung wie bei der Berliner Veröffentlichung des Pharos? Der erste Unterschied: Die Identität des Her­ausgebers steht fest. Albert Mousset war in den zwanziger Jahren Direktor der Agence Avala in Belgrad. Dort erhielt er, wie wir vom Belgrader Archiv­direktor Voj. Jovanovic wissen (und wie auch Prof. Bogicevic in Sarajevo be­stätigt), einen Durchschlag der .Abschrift 1925‘, der Belgrader Abschrift, die eine getreue Kopie der Sarajevoer Abschrift 1914 war. Außerdem wurde von beiden Seiten, daß heißt von Prof. Bogicevic und der Forschergruppe, festge­stellt, es handle sich bei dem Werk Moussets nicht um den reinen Text, nicht um eine saubere Übersetzung der erhaltenen Abschrift. Voj. Bogicevic dazu wörtlich: „Wir behaupten, daß der von Mousset veröffentlichte Text niemals bestanden hat, auch nirgends existiert, weder in Wien noch in Belgrad und am allerwenigsten in Sa­rajevo, woher er, wie er selbst sagt, den stenographischen Text erhalten habe“ 30). Die Forschergruppe fand bei Mousset unverhältnismäßig viele Veränderun­gen des Textes, die weder als freie noch als unrichtige Übersetzungen ange­sehen werden können, sie fand vor allem Zusätze, von denen der „offizielle Text“ nicht die geringste Spur enthält31). Über die Herkunft der Zusätze und der Variationen besteht keine Klarheit, auch nicht darüber, inwieweit Al­bert Mousset den rekonstruierten Text von Dr. Kestercanek herangezogen hat. Kestercanek war, wie bereits erwähnt, einer der Gerichtssaalstenographen, der, zusammen mit seinem jungen Kollegen Milan Prbic, die Stenogramm­diktate dem Senatspräsidenten Chmielewski übergab. Die Originalsteno­gramme nahmen die Stenographen an sich, „als ob sie ahnten, daß sie sie noch brauchen könnten“32). Eine Vorahnung, die acht Jahre später in Erfül­lung gehen sollte, - allerdings nicht so, wie es Dr. Kestercanek erhoffte. Der junge Prbic war während des Krieges gestorben und hatte seine Steno­gramme mit der Auflage, sie zu hüten, seiner Familie vermacht. Nachdem Dr. Kestercanek sich mit den Prbic-Erben geeinigt hatte, ging er 1922 an die Arbeit: „Ich stellte die Übertragung [aus eigenen und fremden Stenogramm­texten] in sechs Monaten fertig, insgesamt 1000 mit der Hand geschriebene Seiten.“ Die Übertragung der fremden Stenogramme nach so vielen Jahren gehörte, meinte Dr. Kestercanek, zu den schwersten Aufgaben seiner lang­jährigen Praxis. Es waren verblichene, mit Bleistift geschriebene Steno­gramme; alle Stellen konnten nicht übertragen werden, trotz großer Anstren­gung. Doch Dr. Kestercanek, der die Texte veröffentlichen wollte, hatte die Rechnung ohne Wirt gemacht: Die SHS-Regierung in Belgrad, der gar nichts an der Veröffentlichung des Sarajevo-Protokolles gelegen war, ließ kurzer Hand die Stenogramm-Abschriften beschlagnahmen und nach Belgrad brin­gen. Sie hatte eine bessere, eine „authentischere“ Unterlage zur Hand, den 30) VP 10. 31) Gutachten (wie Anm. 25) 8f. 32) Siehe oben S. 57.

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