Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Das Attentat von Sarajevo
44 rung abgebe, weil ich dazu überredet wurde oder um mich bei jemandem einzuschmei- cheln ... Demnach erkläre ich, daß Gavrilo Princip mir niemals gestanden hat, daß er dem ehemaligen Thronfolger von Serbien, Alexander, vorgestellt worden sei ... Wenn Princip irgend ein derartiges Geständnis gemacht hätte, so wäre das damals ausgenützt worden - und wie sehr! ... ich glaube, daß der Akt über das Sarajevoer Attentat nicht komplett an das Gemeinsame Finanzministerium gelangte, denn als diesem Ministerium die Abschriften der Aussagen der einzelnen Angeklagten übersandt wurden, wurde aus diesen Aussagen alles ausgelassen, was für Österreich-Ungarn nicht angenehm war. In dem Attentatsakt ist nirgends festgestellt, daß Tankosic Princip im Schießen mit dem Browning-Revolver unterrichtet habe36), im Gegenteil, aus den Aussagen des Beschuldigten geht hervor, daß Princip mit Tankosic niemals gesprochen hat37). Aus den übereinstimmenden Aussagen der Beschuldigten folgt, daß sie vor dem offiziellen Serbien die Absichten und die Vorbereitungen für das Attentat verborgen haben38), daß sie durch Serbien mit falschen Pässen gereist sind und erst als sie nach Bosnien, nach Tuzla kamen, unter ihrem richtigen Namen auftraten. Die Attentäter sind von Tuzla nach Sarajevo mit einem Sarajevoer Detektiv gereist39 40), der dem Ca- brinovic alle polizeilichen Vorbereitungen für den Aufenthalt des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo verraten hat“10). Am Schluß seiner Richtigstellung forderte Pfeffer - wie auch Dr. Alfred von Wegerer, Herausgeber der Berliner Monatshefte — eine neuerliche Untersuchung, und zwar durch einen internationalen Gerichtshof, der die Wahrheit seiner Aussage beweisen sollte. Einflüsse höherer Instanzen, die Untersuchung in irgendeine Richtung zu drängen, sind nicht nachzuweisen. Auffallend ist allerdings, daß alle Umstände, die auf das Versagen der Verantwortlichen, zum Beispiel des allmächtigen Landeschefs Potiorek, hätten schließen lassen, aus dem Verfahren ausgeklammert wurden. Dazu zählt z. B. der sogenannte Fahrtirrtum: das falsche Einbiegen in die Franz Joseph-Straße und das Stehenbleiben des Wagens vor dem schußbereiten Attentäter Princip41). So wurden in der Untersuchung weder die Insassen noch die Chauffeure der ersten beiden Wagen, weder der Polizeibeamte Maksimovic noch der Bürgermeister Curcic, auch nicht der Regierungskommissär Dr. Gerde befragt42). Der Grund ist klar: Alle Welt hätte sonst erfahren, daß Landeschef Potiorek den Auftrag des Erzherzogs, den Appelquai weiterzufahren — also nicht einzubiegen —, nicht an den Chauffeur Leopold Lojka weitergegeben hatte. Es hat den Anschein, als ob man Pfeffer die Vernehmung dieser Persönlichkeiten gar nicht übertragen hätte. Er vernahm 13 Beschuldigte43) und sechs 36) Zutreffend. 37) Zutreffend. 3S) Zivilen Beamten gegenüber. 39) Mit gefälschten Bestätigungen serbischer Grenzoffiziere. 40) Wie Anm. 20. Im letzten Satz gemeint ist der Detektiv Ivan Vila, ein Bekannter des Vaso Cabrinovic (Vater des Bombenwerfers), der ein Spitzel der bosnisch-herze- gowinischen Landesregierung war. 41) Würthle Franz Ferdinands letzter Befehl 313 ff. 42) Nicht ganz auszuschließen ist, daß diese Personen wohl befragt, ihre Aussagen jedoch nicht dem Protokoll beigefügt worden sind. 43) Princip, Öabrinovií, Ilié, Grabez, Vaso und Veljko Öubrilovic, Jovanovié, Popovié, Zagorac, Perin, Djukié, Stjepanovié und Miiovié.