Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

41 aus dem Fall „Cabrinovic und Genossen“ der Fall „Princip und Genossen“ geworden war. Es ist nicht unerheblich, was der Untersuchungsrichter Pfeffer selbst über seine Untersuchung zu sagen hatte, auch wenn er es erst viele Jahre später tat, und zwar in einem polemischen Artikel gegen die Zeitschrift Die Kriegs­schuldfrage (Berliner Monatshefte)19). Pfeffer schrieb: „Vor dem Attentat war ich Untersuchungsrichter in Presseangelegenheiten. Ich denke, daß man mir deshalb auch die Untersuchung über das Attentat von Sarajevo übertra­gen hat“. Der damalige Gerichtssekretär stellt dann fest, er wäre sich der Bedeutung des Falles vollkommen bewußt gewesen und habe die Untersuchung „nach reiflicher Erwägung selbstständig und im höchsten Maß objektiv geführt“. Über seine Untersuchungsmethoden meint Pfeffer20): „Da mir für die wichtigsten Tatsachen keine Zeugen zur Verfügung standen, war ich lediglich auf die Geständnisse der Beschuldigten angewiesen. Aus diesem Grunde habe ich die Beschuldigten niemals miteinander konfrontiert, machte ihnen auch keine Vor­haltungen, denn nur aus den einzelnen Geständnissen, die ohne Zwang abgegeben wurden, habe ich mich von der Wahrheit der Tatsachen überzeugt“. Über die Richtigkeit der Pfeffer’schen Untersuchungsmethode, die, wie aus den Untersuchungsprotokollen zu sehen ist, konsequent verfolgt wurde, läßt sich streiten. Die wenigen Konfrontationen, die Pfeffer zuließ, erfolgten auf ausdrücklichen Wunsch der Beschuldigten, und zwar dann, wenn es galt, Mißverständnisse aufzuklären21). Merkwürdig berührt die Tatsache, daß die inhaftierten Attentäter schon nach einer Woche sich durch Klopfzeichen ver­ständigen konnten. Gerichtssekretär Pfeffer wußte davon und ließ sie gewäh­ren22). Daraus den Schluß zu ziehen, daß Pfeffer die Angeklagten begünstigt hätte, wäre falsch. Sie brachten ihm auch durchaus keine Sympathien entgegen. Im Gegenteil, er war ihnen als pflichterfüllender Beamter verhaßt. Cvetko Popo- vic nannte ihn dem Autor gegenüber einen „tückischen Karrieremacher“23). Vladimir Dedijer meinte in seinem oft zitierten Werk: „Trotz seiner vielen Schwächen war Österreich-Ungarn ein Rechtsstaat, und die Attentäter hatten eine faire Chance, ihre politischen und persönlichen Motive für die 19) n. 7 (1926) 485. 20) Der Montag (Wien) 1926 August 16 und Obzor (Zagreb) 1926 September 22. 21) Beispiel: „Princip wird aus der Haft vorgeführt und gibt an: ,Ich werde alles ganz genau erzählen, ... und zwar aus dem Grunde, damit nicht unschuldige Leute leiden ... Ich bitte jedoch, daß Sie mich vor dem Verhör ganz kurz mit Danilo Ilié und Trifko Grabez konfrontieren, welchen ich nur zwei oder drei Worte sagen werde. Dann werde ich alles aussagen .. .*“ (UP 102). Es wäre falsch, daraus zu schließen, Princip wäre reumütig und geständig gewesen. Er gab nur, wie es seine Gewohnheit war, ent­schlossen imhaltbare Positionen auf. - Auf S. 187 des UP heißt es: „Der Beschuldigte Cabrinovic wird aus der Haft vorgeführt und der anwesende Princip sagt zu ihm: .Wenn jemand dich oder mich beeinflußt hat, daß wir das Attentat begehen, sag es frei heraus1!“ 22) Pfeffer Istraga u sarajevskom atentatu 126. 23) Aus einem Gespräch mit Prof. Popovié in Sarajevo.

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