Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

42 Gewaltanwendung sowohl bei der Voruntersuchung als auch bei der Gerichtsverhand­lung zu erklären24). Das muß sich auch auf den Untersuchungsrichter und den Vorsitzenden der Gerichtsverhandlung, Oberlandesgerichtsrat Alois von Curinaldi, beziehen. Trotzdem glaubt Dedijer dem Untersuchungsrichter Pfeffer, dem „treuen habsburgischen Beamten“, vorwerfen zu müssen, er habe das „Untersu­chungsprotokoll gefälscht, um Ilic und Cabrinovic der damaligen Art ent­sprechend darzustellen“25). Und an einer anderen Stelle heißt es: „Es gibt verschiedene Beweise dafür, daß Pfeffer böswillige Absichten gegen Die hat­te“26). Als Beweis führt Dedijer das „schöne Geständnis“ des Danilo Ilic vom 4. Juli an, in dem der Zusammenhang mit der serbischen Offiziersmaffia27) erkenn­bar wird und zum erstenmal der Name Voja Tankosic28) fällt. Dedijer wirft Pfeffer vor, er habe zu Unrecht behauptet, Ilic hätte ihn gebeten, sein Leben zu schonen, wenn er alles gestehe29). Und davon stehe, so Dedijer, im Unter­suchungsprotokoll kein Wort. Dies ist jedoch ein Irrtum, denn auf Seite 247 des UP heißt es ausdrücklich: „Dem Beschuldigten wurde nahegelegt, daß es das Beste sei, die Wahrheit zu sagen, denn wenn er auch ebenso schuldig sei, wie alle anderen, welche beim Attentat mitge­wirkt haben, so würde ihm ein volles Geständnis vielleicht von Nutzen sein, umso­mehr, weil für den Richter die Antwort naheliege, daß zwar die jungen Leute das At­tentat ausgeführt haben, daß es aber ältere Leute gewesen sein dürften, welche die Tä­ter unterstützten. Darauf antwortete Ilic unmittelbar dem Untersuchungsrichter: ,In Belgrad ist ein gewisser Major Vojin Tankosic. Derselbe war Führer der Komitadzi ... Princip erzählte mir, daß er bei diesem Major war, der ihn unterwiesen habe, wie man das Attentat ausführen solle'“30). Dieser Satz gehört zu den Kemsätzen des 503 Seiten umfassenden Proto­kolls, weil es auf die Mitwirkung der königlich serbischen Armee hinweist. Und diesen Satz sprach Danilo Ilic, „Hauptorganisator des Attentats“, nach­dem ihm der Nutzen eines vollen Geständnisses vor Augen gestellt worden war. Wenn nun Pfeffer nach etwas mehr als zwei Jahrzehnten schrieb, Ilic habe ihn gebeten, sein Leben zu schonen, wenn er gestehe, so hat Pfeffer in 24) Dedijer 589. 25) Ebenda 554. 26) Ebenda 605. 27) Gemeint ist die Organisation .Schwarze Hand', von der Pfeffer kaum etwas wußte. 28) Bekannter Bandenführer im aktiven Dienst der serbischen Armee, seit dem Balkankrieg Idol der serbischen Jugend; er war es, der den Eisenbahnbeamten Ciga- novic beauftragte, die Attentäter mit Waffen zu versorgen. Vgl. Würthle Spur 128ff und passim. 29) Dedijer 601. 30) Pfeffer (wie Anm. 22) schildert die Situation auf S. 129f folgendermaßen: .Princip wollte mir um keinen Preis mehrere Tage hindurch Tankosic angeben, obwohl ich auch vor ihm wie vor Grabez Anspielungen machte. Ich aber war überzeugt, daß Princip davon wissen mußte ... endlich erklärte mir Princip, er wolle gestehen, doch nur dann, wenn Cabrinovic und Grabez in seiner Gegenwart angeben, was sie über den Mann, von dem ich sagte, er sei Major, eingestanden hatten'.

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