Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

34 lieh, doch nicht sehr wahrscheinlich, denn .es liegen Beweise vor, daß es Pfei­fers Methode war, die bei Ilié zum Erfolg führte. Ein anderer, reichlich makaberer Verhörstrick, wird Ivasiuk-Ingomar in die Schuhe geschoben. Er hätte auf seinem Schreibtisch einen als Tintenfaß adaptierten Totenschädel stehen gehabt, den er als Kopf des Attentäters Bogdan Zerajic, der 1910 Selbstmord42) verübte, ausgab. Bei seinen Verneh­mungen soll der Kriminalreferent auf ihn gezeigt und gesagt haben: „Das ist der Kopf Deines Freundes und wenn Du nicht gestehst, wird man bald auch aus Deinem Schädel solch ein Tintenfaß machen“. So grotesk diese Ge­schichte klingt, Indizien sprechen dafür, daß sie sich so oder ähnlich abge­spielt hat. Zerajic’s Schädel wurde tatsächlich in dem Kriminalmuseum ge­funden, das Ivasiuk-Ingomar gegründet hat, und nach dem Krieg in das Grab des Zerajic gelegt, wo der Kopf fehlte. Und als Cabrinovic später im Gefäng­nis Theresienstadt starb, forderte der Sarajevoer Kriminalreferent dessen Schädel an, den er auf Kosten der bosnisch-herzegowinischen Landesregie­rung präparieren lassen wollte. Das Ministerium lehnte allerdings das dies­bezügliche Ansuchen ab. Eine Einvernahme des Bombenwerfers Cabrinovic durch den Kriminalrefe­renten Ivasiuk-Ingomar führte zu einem Mißverständnis, das unter Umstän­den schlimme Folgen hätte haben können und auch das zuständige Ministe­rium beschäftigte. Cabrinovic hatte angeblich Ivasiuk-Ingomar gestanden, der aktive Major Milan Pribicevic43), Sekretär der Organisation .Narodna Odbrana“, sei in die Sache verwickelt. Auf dieses Verhör hin depeschierte Landeschef Potiorek nach Wien44): „Princip führte Cabrinovic zu Pribiöevic ... Dieser gab ihnen nach Anhörung des Pla­nes einen Auftrag an den erwähnten Ciganovic. Hierauf übergab dieser dem Princip sechs Bomben, sechs45) Revolver und 100 Patronen . ..“. Noch am gleichen Tag aber sah sich Potiorek gezwungen zu telegraphieren: „ ... Princip und Grabez wollen beim Pribiöevic nicht gewesen sein und auch Cabri- noviö, heute einvemommen, ist bestrebt, Pribiöevic aus dem Spiel zu lassen“46). Was hatte sich abgespielt? Man war auf die erwähnten Widersprüche gesto­ßen, und Pfeffer konfrontierte, um die Sache aufzuklären, am 3. Juli Cabri­42) Nach einem Anschlag auf den Landeschef Varesanin; siehe oben S. 14 Anm. 16. 43) Milan Pribiöevic verließ 1902 schuldenhalber die k. u. k. Armee, in der er es bis zum Oberleutnant gebracht hatte. Er wurde Major im serbischen Heer. Pribiöevic galt als Verfasser der Statuten des Vereines ,Slovenski jug‘ und des Handbuches der k. u. k. Armee. 44) ÖUA n. 9991 von 1914 Juli 2. Von diesem Verhör muß auch die Öffentlichkeit erfahren haben. Am 3. Juli depeschierte Finanzminister Bilihski an Landeschef Potio­rek: „Zeitungen bringen den Namen der angeblichen Helfershelfer in Belgrad, darun­ter auch des Pribiöevic. E. E. wollen veranlassen, daß die Untersuchung gegen Atten­täter, was eigentlich selbstverständlich wäre, absolut geheim geführt werde“ (ABH GFM Präs. 797/1914). 45) In Wirklichkeit waren es vier Pistolen. 46) ÖUA n. 9992 von 1914 Juli 2.

Next

/
Oldalképek
Tartalom