Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

120 wünschte die Wiener Forschergruppe „zur großen Leistung“. Doch die vier Kriegsjahre genügten nicht, um den „ungeheuren Stoff“ zu bewältigen, ge­schweige denn andere Pläne zu verwirklichen. Geplant waren zwei Publika­tionsreihen: Die erste sollte den Titel tragen Großserbische Umtriebe vor und nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Der erste Band dieser Serie er­schien 1944 und war dem Fall Jeftanovic — Sola — Gavrila gewidmet. Der Be­arbeiter Fritz von Reinöhl vermerkte im Vorwort, daß angesichts der Dring­lichkeit keine bestimmte Reihenfolge eingehalten werden könne und die Ver­öffentlichungen daher zwanglos jeweils nach Fertigstellung erscheinen wür­den. Dieser Band konnte 1944 noch ausgeliefert werden, daher war eine Be­schlagnahme 1945 durch die Alliierten nicht möglich; er liegt in öffentlichen Bibliotheken auf. Reinöhl bearbeitete in der Hauptsache die Akten des Ge­meinsamen Finanzministeriums und der bosnisch-herzegowinischen Landes­regierung. Ein Bericht107) faßt die neuen Erkenntnisse, welche diese Akten­veröffentlichung ermöglichte, zusammen: „Die großserbische Wühlarbeit beschränkte sich nicht auf die Tätigkeit der schon be­kannten großserbischen Organisationen, sondern griff tief hinein in nahezu alle Berei­che des öffentlichen Lebens108). Grundlage der Arbeit war ein 1903 von Gavrila wahr­scheinlich auf Veranlassung der serbischen Gesandtschaft in Wien verfaßtes National­programm. Die Volksführer, insbesondere der im Volksmund als serbischer Vicekönig Bosniens bezeichnete Jeftanovic, standen zum Teil unmittelbar, so auch durch die ser­bische Gesandtschaft in Wien und den serbischen Generalkonsul in Budapest, in Ver­bindung mit der serbischen Regierung. Die serbischen Minister Milovanovic und Pasié gaben der Arbeit die Richtung, nach ihren Weisungen richteten die serbischen Landtagsabgeordneten [in Sarajevo] ihr Verhalten in den wichtigsten politischen Fragen. Die Kosten der Arbeit wurden aus serbischen Staatsmitteln gedeckt. Der veröffentlichte Briefwechsel Jeftanovié mit den Genannten beweist überdies, daß 107) Ebenda. u>8) Der Montenegriner S. M. Stedimlija nennt in einer Besprechung des Buches Jeftanovic, äola und Gavrila .bekannte Anführer und Organisatoren der großserbi­schen Bewegung und der Geheimorganisation in Österreich-Ungarn, besonders in Bos­nien und der Herzegowina“. Reinöhl habe seine Quellen genannt. Der größte Teil der Dokumente betreffe die Tätigkeit der genannten Personen, es gebe aber auch solche Dokumente, die absichtlich von den Serben gefälscht und dem österreichisch-ungari­schen Nachrichtendienst unterschoben wurden, um die amtlichen Vertreter der Dop­pelmonarchie auf einen Irrweg zu leiten oder - wenn sie veröffentlicht werden sollten, leicht widerlegen zu können. Stedimlija schreibt dann wörtlich: ,Für den Informa­tionsdienst der Doppelmonarchie arbeiteten serbische Offiziere, Beamte und Funktio­näre verschiedener Organisationen und leisteten geringfügige Dienste, um mit Erfolg den österreichisch-ungarischen Vertretern das unterschieben zu können, was die serbi­sche Regierung wollte. Nach dem bekannten Friedjung-Prozeß (1909) in Wien, wo es der serbischen Regierung gelang, ihr Ziel zu erreichen, wurde der österreichisch-unga­rische Informationsdienst viel vorsichtiger und saß den ihm zugeschobenen Dokumen­ten nicht mehr auf ... Die Schreiber dieser Dokumente und deren Zubringer bemüh­ten sich regelmäßig, in ihre Berichte Angaben hineinzubringen, auf Grund derer man das betreffende Dokument von serbischer Seite leicht und schnell als Fälschung wi­derlegen und als Beweis hinstellen konnte, daß Österreich-Ungarn absichtlich Doku­mente fälsche, um Serbien als illoyalen Nachbarn beschuldigen zu können“ (Hrvatski narod [Zagreb] 1945 März 20).

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