Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

103 1928 erschien der erste Band des dreibändigen Werkes Die auswärtige Poli­tik Serbiens 1903—1914; er enthielt 417 Übersetzungen von Geheimakten aus serbischen Archiven*3). Im Vorwort drückte sich Bogicevic über die Herkunft der Dokumente unklar aus **). „Einzelne dieser Aktenstücke sind zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Ge­legenheiten in meinen Besitz gelangt. Bezüglich andrer Aktenstücke konnte ich in die­selben Einsicht nehmen und wortgetreue Abschriften machen“ (Vorwort V). Uber die Authentizität meinte der Herausgeber, sie könne von niemandem in Frage gestellt werden. „Man wird lediglich, wo es sich um Übersetzungen, um Übersetzungen von Überset­zungen oder gar um Rückübersetzungen handelt, Einwände stilistischer Art machen und ihnen eine erhöhte Bedeutung beizulegen suchen, ohne aber die Richtigkeit der sinngemäßen Wiedergabe bestreiten zu können“ (Vorwort VI). Von der zurückgestellten Aktenbeute sagte er, man hätte sie mit einer so „vielsagenden Hast und unter so vielen Kautelen“ zurückverlangt, „daß man sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, daß der Verbleib dieser Akten bei den Gegnern ihnen [der jugoslawischen Regierung] schon an und für sich beson­ders unerwünscht erschien, da sie befürchten mußten, daß das Bekanntwerden einzel­ner Originaldokumente zu ihrer Belastung bezüglich der Kriegsverantwortlichkeit die­nen würde“ (Vorwort VII). Nach Erscheinen der 417 Geheimakten aus serbischen Archiven sah sich Bel­grad genötigt, einzugreifen und durch eine Kampagne die Glaubwürdigkeit dieser Dokumente in Frage zu stellen. Man bediente sich dazu einer Exper­tise des Hauptarchivars Dr. Vojislav Jovanovic vom 12. Jänner 19294S), deren Kemsatz jedoch lautete: 43) Brücken-Verlag, Berlin; der 2. Band: Diplomatische Geheimakten aus russi­schen, montenegrinischen und sonstigen Archiven erschien 1929, der Textband Serbien und der Weltkrieg 1931. 44) Die Unklarheit ist sicherlich gewollt und hat politische Gründe. In den Jahren vorher kam es zu Versuchen der SHS-Regierung, auf die österreichische Regierung einzuwirken, Veröffentlichungen von Bogicevic und dem Journalisten Leopold Mandl zu unterbinden, um „das gute Einvernehmen nicht zu stören“. Im Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs 1 199* heißt es: „Ein großer Teil dieser Drucke wurde von M. Boghitschewitsch in den ersten zwei, 1928 und 1929 erschienenen Bän­den seines Werkes Die auswärtige Politik Serbiens 1903-1914 veröffentlicht ... Auf diese Herkunft der von Boghitschewitsch veröffentlichten Akten weist auch eine unter anderen im Laibacher Slovenec vom 7. Feb. 1929 erschienene Pressenotiz des Belgra­der Min. d. Äuß. hin“. 1941 schrieb Prof. Bittner, damals Direktor des ,Reichsarchivs1 Wien, über die im Kloster Ljubostina erbeuteten Akten, welche im Haus-, Hof- und Staatsarchiv von einer Kommission untersucht wurden, der neben österr.-ung. Di­plomaten und Archivaren auch der deutsche Generalkonsul Dr. Schönfeld angehörte: „. . . Die von dieser Kommission angefertigten Abschriften serbischer Akten, die in der Nachkriegszeit zusammenfassend in dem Werk von Bogiöevic Die auswärtige Politik Serbiens veröffentlicht wurden, haben den Kampf gegen die Kriegsschuldlüge wesent­lich gefördert ...“ (AA Bonn PA 26a, E 066935-43). Bittner sprach hier von Abschrif­ten, es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß alle 417 Übersetzungen während des Krieges im Ministerium gedruckt worden sind. Siehe auch S. 99 Anm. 23. 45) Übersetzung der Nr. 146/47 vom 12 (25). Jänner 1929 aus dem DISP, Geheim­faszikel 26 (Abschrift im SAA).

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