Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

98 Jahres wird das Eintreffen von 49 Kisten und 846 Aktenfaszikeln am Wiener Praterquai angekündigt15). Die Sichtung und Ordnung der Beutebestände erfolgte im Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Dazu wurde bemerkt: Auf diese Weise entgingen die Akten „einem Schicksal, dem die montenegrinischen Archive zum Opfer fielen. Eine jahrelange Aufbewahrung unter der Erde ruft bei den Akten durch die Feuchtigkeit irreparable Schäden hervor“ 16). In Kraljevo wurden am 31. Oktober 1915 unter Aufsicht des Generalsekretärs des serbischen Außenministeriums17) wichtige Akten verbrannt. Es sollen ausschließlich Dokumente aus dem Jahre 1915 gewesen sein. Einen Bestand, der in Kraljevo vergraben war, entnahmen die Österreicher dem Versteck; es handelte sich jedoch lediglich um Gerichtsakten. Die Akten der Nisscher Re­gierungszeit schleppten die Serben in Säcken durch Albanien an die Küste und transportierten sie am Seeweg nach Rom, wo sie wiederum in (37) Ki­sten verpackt wurden, von denen 34 nach dem Krieg nach Belgrad zurückge­langten. In Rom war dieses Material durchsucht und teüweise im Auftrag der serbischen Regierung in Korfu abgeschrieben worden18). In Wien war inzwischen, das heißt im Dezember 1915, unter dem Vorsitz des Gesandten Rudolf Pogatscher19) eine „Kommission zur Prüfung und eventu­ellen Verwertung der serbischen Archive“ zusammengetreten. Dieser Kom­mission gehörten neben Pogatscher seitens des Ministeriums des Äußern Al­fred Ritter von Rappaport-Arbenau20), seitens des Staatsarchivs21) Hans Schiitter, Václav Kratochvil, Tankred Stokka, Artur Goldmann und Johann Vörnle an. Genannt wurden noch der Kanzleirat Anton Jurkovic, der Kanz­leisekretär Josef Umlauf und Direktor Josef Tiefenbach. Geplant war die Teilnahme von Delegierten der deutschen Regierung (Konsul Schönstadt und Dolmetsch Josefowitz), des k. u. k. Kriegsministeriums und des Gemeinsamen Finanzministeriums. Über die Tätigkeit der Kommission urteilt der Belgra­der Archivar Voj. Jovanovic22): ls) Ebenda. 16) Siehe oben S. 97 Anm. 10. 17) Dr. Slavko Gruic, serbischer Geschäftsträger ad interim in London 1908 bis 1913, ab 1914 Generalsekretär im Ministerium des Äußern. 18) Weisung aus Korfu an alle Gesandtschaften von 1916 Mai 19: ,Da infolge der raschen Evakuierung das Archiv vom Jahre 1915 verbrannt werden mußte, bitte ich, dem Ministerium die Abschrift aller ein- und auslaufenden Akten und Depeschen poli­tischer Natur einzusenden, angefangen vom 1. (14.) Jänner bis 15. (28.) November 1915. Marinkovié.' Siehe oben S. 97 Anm. 10 und S. 107. 19) Rudolf Pogatscher, geb. 1859, nach seiner Tätigkeit als Dragoman und später als Konsul in Philippopel, Varna, Monastir 1902 ao. Gesandter u. bev. Minister, 1908 Geheimer Rat, 1908-1910 Referat I, dann politischer Konsulent. Siehe S. 108 Anm. 60. 20) Alfred Rappaport, geb. 1868, nach Dienstleistung in Skutari, Prizren, Bagdad, Üsküb seit 1908 Zivilagent in Mazedonien. 21) Biographische Daten der genannten Archivare in Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs 1 (alphabetische Reihe von Franz Hüter). 22) Der a. o. Univ.-Prof. i. P. Voj. Jovanovic wurde am 28. November 1924 Haupt­archivar (Pers. Abt. des Jugoslawischen Außenministeriums, Präs. ZI. 4256/1924, Ab­schrift im SAA).

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