Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

99 ,Die Österreicher unterzogen die Archive vom Anfang 1916 bis zum Frühjahr 1919 ei­nem sehr genauen Studium, wie zahlreiche auf den Akten angebrachte Vermerke in deutscher Sprache und die deutschen Übersetzungen zahlreicher Dokumente beweisen. Besonders Dr. Johann Vörnle war in dieser Hinsicht sehr tätig. Fast alle Akten zwischen 1907 und 1914 zeigen Spuren, daß man sie durchgelesen hatte. Übersetzt wurden na­mentlich jene Akten, welche den Spezialisten des Archivs für Serbien kompromittie­rend erschienen. Fast alle so übersetzten Dokumente wurden in Wien abgedruckt, und zwar in der gleichen äußeren Form wie das österreichisch-ungarische Ministerium des Äußern politische Berichte und Zirkulare, die für die Botschaften im Ausland be­stimmt waren, zu reproduzieren pflegt23). Von diesen so gedruckten Übersetzungen serbischer Dokumente (bezüglich deren Genauigkeit alle Reserven gemacht werden müssen) wurde bereits in der gegen Serbien in der Kriegsschuldfrage geführten Propa­ganda Gebrauch gemacht. . .‘. Nachdem die serbischen Akten 1919 wieder nach Belgrad zurückgebracht worden waren, „dürften sie 5 Jahre hindurch unbearbeitet gelegen haben“24). 1924 stellte eine serbische Kommission fest, „daß gegen 300 Kisten Akten und Amtsbücher von 1870—1918 Vorlagen“. Damals wurde die Errichtung ei­nes eigenen Hauptarchivs des jugoslawischen Ministeriums des Äußern be­schlossen. Die Direktion übernahm Dr. Voj. M. Jovanovic, der zuerst bis 1930 und dann wieder von 1938 bis 1941 das Archiv mit .Umsicht und Tatkraft' leitete25). Von einem ernst zu nehmenden Plan, ein serbisches Aktenwerk zusammenzu­stellen, hören wir ebenfalls aus der Zeit der SHS-Regierung. Am 30. Mai 1927 stellte der Hauptarchivar an den Minister des Äußern den An­trag, eine .Sammlung diplomatischer Dokumente über den serbisch-österrei­chischen Konflikt' zu veröffentlichen26). Die Publikation sollte ,die Kriegs­schuldfrage neu beleuchten', schon 1924 sei in der englischen Presse die Her­ausgabe einer derartigen Dokumentensammlung angekündigt worden. Da diese Ankündigung nie dementiert wurde27), bestehe die Gefahr, daß Serbi­ens Feinde, schließlich auch seine Freunde dies falsch verstehen könnten oder, wie es in dem Antrag hieß, .ungerechtfertigte Auslegungen' daran knüpfen würden. Am 1. Juli 1927 beschloß das zuständige Gremium, den Do­23) Vgl. dazu Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs 1 199*: „Diese .serbische Aktenkommission' begann noch im Dezember 1915 ihre Tätigkeit. Die Auswahl und die Übersetzung der Akten für die Veröffentlichung wurde von Be­amten des StA. vorbereitet, worauf die Kommission in fortlaufenden Sitzungen ihre Entscheidungen fällte. Die ausgewählten Aktenstücke wurden dann sofort in der Druckerei des Min. d. Äuß. in Druck gelegt und an zahlreiche Persönlichkeiten und Behörden gesandt“. In Anm. 1 heißt es dann weiter: „Sie haben somit damals eine so große Verbreitung gefunden, daß im einzelnen gar nicht mehr festgestellt werden kann, wer sich im Besitze dieser Drucke befindet.“ 24) Siehe oben S. 97 Anm. 10. 25) Siehe oben S. 98 Anm. 22. 26) DSIP ZI. 315 von 1928 Dezember 31 (Abschr. im SAA). 27) So richtete auch der englische Publizist und Historiker Seton-Watson zweimal, und zwar am 11. Februar und am 11. Mai 1925, an den Ministerpräsidenten Pasié die Aufforderung, sich von der Anklage reinzuwaschen, von dem Verbrechen (Attentat von Sarajevo) gewußt und es stillschweigend geduldet zu haben. Pasics Reaktion war das Versprechen, ein neues Blaubuch herauszugeben, wozu es aber nie kam. 7*

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