Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

97 plomatischen Akten Serbiens als Kriegsbeute ins Ausland verschleppt wur­den, und das gleich zweimal, im ersten Weltkrieg und im zweiten. Sicher, das mag Verzögerungen verursacht haben, aber es rechtfertigt nicht, daß die Akten des serbischen Außenministeriums, diese historisch so ungeheuer wichtigen Dokumente, durch mehr als ein halbes Jahrhundert überhaupt nicht zugänglich waren und auch heute noch nicht zugänglich sind. Angeb­lich soll sich dies jetzt ändern. Auf dem Belgrader Historiker-Symposion 1974 *) machten die Veranstalter Zusagen in dieser Richtung. Das Schicksal der Akten des serbischen Außenministeriums im ersten Welt­krieg wurde in den Jahren 1941-1945, also im zweiten Weltkrieg, durch eine Wiener Forschergruppe rekonstruiert8 9). Deren Aufzeichnungen10) und einige Hinweise in der Administrativen Registratur des Haus-, Hof- und Staatsar­chivs ergeben ein deutliches Bild. Mit der Übersiedlung der serbischen Re­gierung nach Nis im Juli 1914 wurden jene Aktenbestände verlagert, die dem Feind nicht in die Hände fallen sollten. Zuerst transportierte man Aktenma­terial nach Krusevac im Moravatal, abseits von der Hauptverkehrsroute Bel­grad—Nis. Eine große Nachsendung von 61 Kisten erfolgte am 3. Dezember 191411). Die Kriegslage 1915 erforderte neuerliche Evakuierungen; so gingen Transporte nach Mitrovica und am 5. Oktober gingen 61 Kisten von Nis ins Kloster Ljubostina bei Trstenik. Sie wurden dort vergraben, trotzdem fielen sie der vorrückenden österreichischen Armee in die Hände. Österreichischer- seits liegt eine Meldung vom 10. Dezember 1915 vor, welche besagt, „dieser Tage wurden die bei Trstenik gefundenen Bestände des Archivs des serbi­schen Außenministeriums nach Wien befördert, es handelt sich um 63 grö­ßere Kisten“12). Auch die Bulgaren erbeuteten auf ihrem Vormarsch politi­sche Dokumente13). Ob auch die deutsche Armee serbische Akten in ihre Gewalt bekam, ist nicht geklärt; jedenfalls meldete im Jahre 1916 eine Berli­ner Dienststelle die Ankunft von 40 Kisten in Wien14). Am 25. Juli desselben 8) Assises scientifiques internationales: Les grandes puissances et la Serbie á la veille de la Premiere Guerre Mondiale en 1914. 9) Abschriften im SAA. ,0) Schreibmaschinbericht mit Korrekturen von Ludwig Bittner Schicksal der serb. pol. Archive vom Weltkrieg bis zur Gegenwart (6 S., 13 Beilagen, unvollst. Über­setzung serbischer Protokolle, Register und Telegramme) ebenda. ”) Folgende Archivgruppen befanden sich in Nis: Pol. Abt. Geheimakten 1870-1914; Konsularabt. (PP) 1904—14; Rechnungsabt.; Konsulate in Macedonien; serb. Gesandtschaft in Wien 1874-1899. 12) Siehe Anm. 10. — Auch im Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs 1 (1936) 198* f wird die Erbeutung serbischer Archive durch die öster­reichischen Truppen im November 1915 erwähnt. 13) In der Zeitung Makedonia wurden serbische Dokumente veröffentlicht, doch stammten sie aller Wahrscheinlichkeit nach aus anderen Beständen. Die Bulgaren ver­öffentlichten noch während des Krieges Quittungen über Geldbeträge, die englische Journalisten von Serbien erhalten hatten. 14) Tel. von 1916 Mai 4 an Evidenzbüro Wien: 40 Kisten mit Akten aus serbischer Beute (KA Evidenzbüro n. 9760); HHStA bestätigt Empfang am 6. Mai 1916 (HHStA Adm. Reg F 4/448). 7 Staatsarchiv, Ergänzungsband IX

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