Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Umstrittene Dokumente
96 Die Aufnahme des großen österreichischen Aktenwerkes war durchaus positiv. Niemand bezweifelte die Korrektheit der Arbeit* 5). Wie ist mm der Stand auf der Gegenseite? Was wurde dort an Dokumenten der Öffentlichkeit überantwortet? Ein Blaubuch, das Nisscher Blaubuch6) (so genannt, weil es im November 1914 in Nis erschien, nachdem die serbische Regierung dorthin geflohen war), umfaßt zeitüch die 48 kritischen Tage vom 16. Juni bis zum 3. August 1914 und enthält 52 Dokumente. Das ist bis heute, 1976, alles. 11.204 Dokumente hier, 52 dort. Diese Unausgeglichenheit7) muß triftige Gründe haben. Desinteressiertheit scheidet von vomeherein aus. Es bleiben als mögliche Motive archivtechnische Schwierigkeiten oder die Absicht, aus politischen Gründen gewisse Akten der Weltöffentlichkeit vorzuenthalten. Es hat den Anschein, als wolle man Zeit gewinnen, bis jeder Aktualitätswert verschwunden ist. Man wird einwenden, der Hauptgrund sei der, daß die diÖsterreichisch-ungarisches Rotbuch (Volksausgabe Wien 1915), und Diplomatische Aktenstücke zur Vorgeschichte des Krieges 1914. Ergänzungen und Nachträge zum österreichisch-ungarischen Rotbuch (Wien 1919). 5) Die Vossische Zeitung schrieb am 12. Dezember 1929 über das neue Aktenwerk: „So hat man in Wien sonst nicht gehandelt. Schlagartig wirft es die ganzen Vorkriegsakten Österreich-Ungams für die Jahre 1908-1914 auf den Tisch Europas. Die Arbeit, die sich in Berlin über Jahre erstreckte, in London seit Jahren im Gange ist, zu Paris eben angefangen hat und Jahre dauern wird: die Veröffentlichung der großen Politik Deutschlands, Englands, Frankreichs vor dem Kriege, das hat die Kommission für neuere Geschichte Österreichs ... auf einmal geschafft ...“. Auch in der angelsächsischen Presse rang man sich zu einer neuen Wertung durch; so schrieb am 28. Dezember 1929 John Mac Cormac in der New York Times einen ausführlichen Vorbericht (,... Die Dokumente zeigen auch, daß Serbien von Rußland in allen Aktionen gegen die Doppelmonarchie volle Rückendeckung bekam . ..‘). Im New York Herald Tribune vom 9. Dezember 1929 hieß es: ,... Das Interessante an diesen Dokumenten ist, wie stark der Gegensatz zwischen Serbien und Österreich wirklich war und welchen Einfluß die russische Diplomatie darauf hatte. Es geht daraus hervor, daß sich die Verantwortlichen in Österreich durchaus darüber im Klaren waren, wie wichtig die Vermeidung eines Krieges für den Fortbestand der Monarchie war und wie stark die westlichen Kräfte daran interessiert waren, daß Österreich am Balkan stark gebunden bleibe1. Im Observer vom 22. Dezember 1929 stellte Jan de Morrow fest: .Trotz aller Zurückhaltung bei der Auswahl der Dokumente garantieren doch die Namen Srbik und Pribram gerade für den britischen Betrachter einen hohen wissenschaftlichen Standard ohne jede politische Beeinflussung ... Genaues Studium zeigt, daß bezüglich der Haltung der Entente-Staaten über Österreichs Mitschuld am Kriegsausbruch doch einiges der Revision bedarf1. 6) Ministarstvo inostranih dela, diplomatska prepiska o srpsko-austrijskom sukobu (Nis 1914). Im Deutschen erschienen zwei Übersetzungen, beide 1915, die eine in Wien (als Sonderdruck der Dokumente zur Geschichte des Europäischen Krieges 1914/15, hg. von Karl Junker, 48 S.), die zweite in Berlin, hg. von Eduard Bernstein als 12. Band der Dokumente zum Weltkrieg 1914 (40 S.). Die Berliner Ausgabe enthält einen Hinweis auf die Übersetzung nach der französischen Ausgabe durch H. Rösemeier. ’J Natürlich sind einzelne Dokumente hier und dort auszugsweise publiziert worden, eine Zusammenstellung serbischer Akten aus dem Jahre 1914 existiert jedoch nicht. Vor nunmehr 48 Jahren stellte der Observer vom 22. Dezember 1929 nachdrück- lichst fest: .Nach der Veröffentlichung aller Dokumente der Dekade vor dem Weltkrieg fehlen noch die Dokumente aus Jugoslawien1.