Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

82 Vorgesetzte Behörde den Ärzten die Amputation des Unterarms, der gänzlich wertlos war, verboten hatte, kann ich heute noch nicht erklären .. Reue äußerte Princip nicht, im Gegenteil, er hätte die Tat auch begangen, wie Dr. Marsch verriet, „wenn er die furchtbaren Auswirkungen des Atten­tats, die Entfesselung des Weltkrieges, geahnt hätte“. Diese Haltung ist ty­pisch für Princip; er bedauerte lediglich, die Herzogin von Hohenberg statt Potiorek getroffen zu haben. Ähnlich verhielt sich Princip, als Cabrinovic am Schluß der Hauptverhandlung Abbitte leistete. Princip wuchs in der Tradi­tion der Rache auf, der Begriff Reue ist bei ihm fehl am Platz. Nikitsch41), Franz Ferdinands früherer Privatsekretär, erfuhr angeblich von einem Mitglied des österreichischen Hochadels, einem Offizier, der Gelegen­heit gehabt haben soll, Princip in seiner Zelle aufzusuchen: Der Attentäter sei „von wahnsinniger Reue gequält“ worden, schluchzend habe der Unselige in abgerissenen Worten erzählt, wie er zur Tat förmlich gezwungen worden sei. Princip habe in seinem fassungslosen Schmerz immer wieder beteuert, „er wolle mit Freuden sein Leben für den Ermordeten hingeben, wenn er da­durch seine unselige Tat ungeschehen machen könnte“. Die Gegendarstellung ließ zu einer Zeit, da die Diskussion über die Mitwis­serschaft der serbischen Regierung heftig im Gange war, nicht lange auf sich warten. Sie hatte den beziehungsvollen Titel Gavrilo Princips Bekenntnisse, erschien 1926 in Wien und brachte zwei Manuskripte Princips, die faksimi­liert wiedergegeben wurden (mit der Übersetzung zwei Druckseiten), und Aufzeichnungen des ,Gefängnispsychiaters‘ Dr. Pappenheim über Gespräche mit Princip (sechs Druckseiten). Ferner enthielt die Broschüre eine Einfüh­rung (drei Druckseiten) und einen Kommentar (zwölf Druckseiten), verfaßt von einem Mann, der nicht gewillt war, seinen vollen Namen preiszugeben, und mit den Buchstaben R. P. zeichnete. Die Broschüre erweckt den Ein­druck wissenschaftlicher Korrektheit, ist jedoch in Wirklichkeit eine politi­sche Kampfschrift. In Princips handschriftlichem Text findet sich kein Hin­weis auf das Attentat von Sarajevo. Er schrieb über Kropotkin, die nationale Revolution und die Komitadzi. Princip gab Dr. Pappenhehn am 19. Februar 1916 Antworten auf typische Psychiaterfragen. Über die Beweggründe für das Attentat heißt es hier: „War ein idealer Mensch, hatte Volk rächen wollen. Die Motive: Rache und Liebe. Ganze Jugend in solcher revolutionärer Stimmung. Sprachen anarchistischer Flug­schriften, die zum Attentat aufgereizt haben.“ Aus Dr. Pappenheims zweiten Stenogramm (12. Mai 1916): „Dachte, daß, wenn Österreich in eine schlechte Lage gebracht, dann würde eine Re­volution kommen. Aber für eine solche Revolution muß man das Terrain vorbereiten.“ Aus der dritten Stenogrammaufzeichnung (18. Mai 1916): „Cabrinovic und Grabez waren mit ihm in Serbien. Die drei hatten beschlossen, das Attentat auszuführen. Sei seine Idee42). Dachte früher an Potiorek ... Major Tan­kosié wußte im letzten Moment, als sie schon innerlich bereit waren.“ 41) Paul Nikitsch-Boulles Vor dem Sturm (Berlin 1925) 226f. 42) Diese drei Worte sind „das Bekenntnis“, um das es dem Herausgeber der Be-

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